Tag der Pressefreiheit – Missbrauch des Journalismus

Es geht nicht allein um Verbote, Schikanen, Zensur. Seit Jahren missbrauchen Propagandisten unsere Branche, um zu hetzen, Unwahrheiten zu verbreiten, Menschen an den Medienpranger zu stellen, Angst zu schüren. Ich ärgere mich immer wieder, wenn diese Typen als Journalisten bezeichnet werden. Journalismus ist ein ehrenwerter Beruf. Journalisten geben den Menschen die Informationen, die sie brauchen, um Bürger zu sein. Journalismus unglaubwürdig zu machen, ist das Ziel von Autokraten und Diktatoren.

Jüngstes Beispiel für den Missbrauch der Öffentlichkeit ist ein Film über die internationale Wahlbeobachterplattform EPDE mit Sitz in Berlin. Ihre Betreiberin, Stefanie Schiffer, ist Opfer einer pseudoinvestigativen Medienhetze in den russlandweiten Fernsehkanälen NTW und REN-TW. Heute lief ein Stück dazu beim WDR. Wer da mal reinhören möchte:

 

Die Nummer ist nicht neu, ich wurde selbst mehrfach Zeuge, wie diese Typen arbeiten. Und ich möchte nie wieder hören, dass es sich bei den Mitarbeitern dieser Kanäle um Journalisten handelt. Im Buch Russian Angst erzähle ich, wie sie einen Stoßtrupp der Nationalen Befreiungsbewegung zu einer privaten Filmvorführung begleiten. Sie fand im Saal eines Restaurants statt. Es war ein Dokumentarfilm über die Probleme junger Homosexueller.

Kapitel 11 Die Rückkehr der Angst
„…Gleichzeitig stehen im Restaurant vor dem Saal etwa zehn Leute, darunter mehrere alte Frauen. Sie tragen Schürzen mit Putins Konterfei. »Erlöser« steht darauf. Ein Kamerateam dreht. Die Frauen halten Ikonen hoch, ein Mann macht Stimmung: »Sodom und Gomorrha«, skandiert auch er. »LGBT und Sodomie, raus aus Russland! Sodom und Gomorrha, kennen Sie die? Das waren antike Städte. In Sodom gab es genau solche Beziehungen wie LGBT. Die Städte wurden von Gott zerstört. Und wir wollen nicht, dass unser Land zerstört wird, weil hier so etwas passiert. Natürlich soll man niemanden mehr auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Auch keine Schwulen.« Einige Gäste starren angestrengt auf das teure Essen, andere blicken fassungslos. Das Fernsehteam dreht fleißig. Es kommt von dem Kreml-nahen Kanal NTW und begleitet die Provokateure. NTW hat schon viele Hetzfilme über angebliche Feinde Russlands gedreht. Kaum ein anderer Kanal erfindet und manipuliert so schamlos Geschichten….“

Wie es um die Pressefreiheit in Russland steht, quasi zwischen Hetze und Kontrolle, kann man hier nachlesen:

https://www.swr.de/-/id=19189320/property=download/nid=8986864/1gl2sl2/swr2-tandem-20170424-1005.pdf

und hier nachhören:

Zensur 3.0

https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/tandem/swr2-tandem-medien-und-zensur-orden-oder-wodka/-/id=8986864/did=19189318/nid=8986864/1oaf5cd/index.html

Russian Angst am Grenzzaun – Lesung

Einst das Ende der Welt, im Auge des Orkans des Kalten Krieges, Panzerlandschaft mit Grenzzaun, die im Kriegsfall in Minuten überrannt ist: Gartow! Am See.
Lesung:
Freitag, 04.05.2018 | 19.30 Uhr
Evangelisches Forum Gartow
Hauptstraße 1
29471 Gartow
In Gartow wissen die Älteren noch, wie es ist, Angst vorm Russen zu haben.

Lesung und Hörspiel

8. März, Moskau, Internationaler Frauentag.
Ich war in sechs Blumenläden:
„Rosy nado?“
„Njet. Gwosdika jest?“
„Njet, Tulpani.“

Am Ende brachte ich meiner Russischlehrerin zum Frauentag statt einer roten Nelke rote Tulpen. Was das über die Situation der Frauen in Russland sagt, ob das überhaupt zusammenhängt, das überlasse ich jedem selbst (siehe Foto unten).
Weiterlesen

Krim, Krieg, krude Geschichten – Ein Mythos wird vergewaltigt

Nein, es ist nicht alles schön auf der Krim. Und es geht auch nicht allen gut.

Aber: Wer schon immer mal krimtatarische Gedichte hören wollte, der hat hier die Möglichkeit. Ich finde, es lohnt. Krimtatarisch klingt einfach sehr schön!

Das Feature gibt es hier:

 

oder hier:
https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr2-lesenswert-feature-krim-krieg-krude-geschichten/-/id=659892/did=20940878/nid=659892/kzx56b/index.html

Krim, Krieg, krude Geschichten – Hörtip

Kleiner Tip:
SWR2 Literaturfeature, 20.2.2018, 22.03h

Die Krim – ein Mythos.
Verklärt als Urlaubsparadies, auch in der Literatur. Immer geht es um Liebe, Sex, Affären. Da führen Damen Hündchen aus und nehmen altmodische Aufreisser mit ins Hotelzimmer. Da sterben Schönheiten in Eifersuchtsdramen im Harem. Nirgendwo im kalten Riesenreich ist es freizügiger. Kurz gesagt: Für russische Autoren ist die Krim ein Paradies.

Anders für die ukrainischen und krimtatarischen: Sie werden unterdrückt. „Raben sind auf der Krim gelandet“, dichtet Diljawer Osmanow und meint die „freundlichen Menschen“, von denen Putrin sprach, als er 2014 die Krim einkassiert hat, als wäre er ein Schulhofschläger und die Krim das Smartphone des schwachen Nachbarn.

https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr2-lesenswert-feature-krim-krieg-krude-geschichten/-/id=659892/did=20940878/nid=659892/kzx56b/index.html

Auf den Fotos:
Nichts begriffen: Der Kult um Maximilian Woloschin:

 

 

 

 

 

Touristin zwischen Puschkin und dem Brunnen der Tränen:

 

 

 

 

Victor Stus – der ukranische Schriftsteller hat Angst:

 

 

 

 

Aufkleber an der Tür der Krimtatarischen Zeitschrift: „Wir haben das Land vor den Faschisten geschützt, wir werden das Land vor Extremismus schützen“.

Stalingrad IV

»Es soll wieder Stalingrad heißen«, sagt ein Veteran, »damit die Heldentat nicht vergessen wird, weil doch niemand weiß, wo Wolgograd ist, und jeder, was in Stalingrad passierte.«

 

 

Viktor Ananjew, Vorsitzender des Veteranenvereins Wolgograd, am 9.5.2012

„Спасибо Деду за Победу“ – „Danke, Opa, für den Sieg“

Wolgograd ist ein Wechselbad der Gefühle. Dankbarkeit für die Befreiung Europas von den Nazis. Unfassbar die vielen Toten, unfassbar die Sinnlosigkeit. Mich hat der Militarismus der Regierung schwer irritiert und in einen Zwispalt gestürzt: Wie viel Kritik darf ich mir als deutscher Autor (Jahrgang 1967) erlauben. Oder muss ich sogar? Welche Verantwortung habe ich als Deutscher der Enkelgeneration?

Auszug aus Russian Angst:
„Siegen ist zeitgemäß, wenn orange-schwarze Georgsbänder die Menschen zusammenbinden. Schon wird ein neues Siegen vorbereitet und ein neues Sterben alsbald. Ja, bereitet sie nur vor, die Kleinen. Die Veteranen sterben. Da braucht man neue Siege, bitter erkämpft, neue Helden und neue Veteranen, sonst ist das Kostümfest hin. Darum wäre es nicht schade, finde ich, immer im Konflikt mit mir selbst, wie viel Meinung ich als Deutscher dazu haben sollte.

 

Auf der Straße herrscht Familienfeststimmung. Die Mädchen haben Beine, lang und länger, und tragen Röcke, kurz und kürzer, tragen zur Uniform Schuhe mit hohen Absätzen. Und kommt ein Veteran vorbei in Paradeuniform mit geschwellter Brust und Lenin-Orden, dann wird schnell ein Selfie gemacht. Gerade sein Gang, am 9. Mai hat er gesiegt, sonst ist er ein alter Mann mit Stock und einem Enkel, der selbst längst Vater ist. Dann kommen Kinder mit Blumen. »Danke für den Sieg, Veteran!« Schnell noch ein Foto, und ein letztes Mal strafft sich der alte Körper und steht gerade, die Hand an der Mütze, grüßt er nicht ihn, Stalin, er grüßt die Digitalkamera. Und auch ich denke wieder einmal: Schön, dass die Nazis weg sind, danke, Veteran.“