Stalingrad IV

»Es soll wieder Stalingrad heißen«, sagt ein Veteran, »damit die Heldentat nicht vergessen wird, weil doch niemand weiß, wo Wolgograd ist, und jeder, was in Stalingrad passierte.«

 

 

Viktor Ananjew, Vorsitzender des Veteranenvereins Wolgograd, am 9.5.2012

„Спасибо Деду за Победу“ – „Danke, Opa, für den Sieg“

Wolgograd ist ein Wechselbad der Gefühle. Dankbarkeit für die Befreiung Europas von den Nazis. Unfassbar die vielen Toten, unfassbar die Sinnlosigkeit. Mich hat der Militarismus der Regierung schwer irritiert und in einen Zwispalt gestürzt: Wie viel Kritik darf ich mir als deutscher Autor (Jahrgang 1967) erlauben. Oder muss ich sogar? Welche Verantwortung habe ich als Deutscher der Enkelgeneration?

Auszug aus Russian Angst:
„Siegen ist zeitgemäß, wenn orange-schwarze Georgsbänder die Menschen zusammenbinden. Schon wird ein neues Siegen vorbereitet und ein neues Sterben alsbald. Ja, bereitet sie nur vor, die Kleinen. Die Veteranen sterben. Da braucht man neue Siege, bitter erkämpft, neue Helden und neue Veteranen, sonst ist das Kostümfest hin. Darum wäre es nicht schade, finde ich, immer im Konflikt mit mir selbst, wie viel Meinung ich als Deutscher dazu haben sollte.

 

Auf der Straße herrscht Familienfeststimmung. Die Mädchen haben Beine, lang und länger, und tragen Röcke, kurz und kürzer, tragen zur Uniform Schuhe mit hohen Absätzen. Und kommt ein Veteran vorbei in Paradeuniform mit geschwellter Brust und Lenin-Orden, dann wird schnell ein Selfie gemacht. Gerade sein Gang, am 9. Mai hat er gesiegt, sonst ist er ein alter Mann mit Stock und einem Enkel, der selbst längst Vater ist. Dann kommen Kinder mit Blumen. »Danke für den Sieg, Veteran!« Schnell noch ein Foto, und ein letztes Mal strafft sich der alte Körper und steht gerade, die Hand an der Mütze, grüßt er nicht ihn, Stalin, er grüßt die Digitalkamera. Und auch ich denke wieder einmal: Schön, dass die Nazis weg sind, danke, Veteran.“

Stalingrad II

Auszug aus Russian Angst:

„Ich bin müde von den Kämpfen, vom Sterben und von der Schuld, die die Erde auf den Feldern ausschwitzt, und der Sühne, dem Sieg, dem Saufen. Ich nicke immer wieder weg. Halbschlaf-Fantasien: Abflug aus Stalingrad. Ein Flugzeug am Boden. Laufender Propeller. Feldgraue Gestalten drängen sich, versuchen, in das Flugzeug zu kommen. Addi war hier.
Unser Nachbar. Damals. Viel jünger als ich heute. Adolf Eidam, Autopolsterer aus Hamburg-Barmbek. Er schlief nicht. Ging nachts. Ruhelos. Wandernd, wie die Splitter in seinem Körper. Addi saß vor dem Fernseher. Rauchte. Roth-Händle. Trank. Astra. Bismarck-Sprudel. Wählte. Schmidt. Saß in einem der letzten Flugzeuge, die Stalingrad verlassen haben. Mein Wachtraum ist schwarz-weiß.

Ich bin nervös, nicht wegen der Recherche, eher wegen der Emotionen. Das Land erzwingt die Auseinandersetzung. Die Sowjetunion unter Stalin hielt die Opferzahlen klein. Nach
dem Krieg wurden die Leichen oft nicht geborgen. Es war 2001, als ich das erste Mal über die Leichen des Zweiten Weltkriegs gegangen bin. Es war in einem Wald. Da lagen Helme zwischen Bäumen, rostig längst, Getriebeteile, Leuchtspurmunition.

Federnd der Schritt auf 60 Jahren Waldboden. Darunter die Knochen. »Wo ein Helm liegt, liegt ein Toter.« Mir gehen die Worte der Aktivistin nicht aus dem Kopf: »Der Krieg ist erst zu Ende, wenn der letzte Tote bestattet ist.« Ich bin nicht derjenige, der diesen Krieg beenden kann. Immer wieder ist er auf der Überholspur in der jährlichen Woche der Siege. Ich bestatte nicht, ich berichte. Dieser Krieg geht nie zu Ende. In diesem Wald buddeln junge Männer die Leichen des Zweiten Weltkriegs aus, »damit sie sich an Tote gewöhnen«, sagte die Aktivistin, »und an die Kampfeinsätze der Armee«. Damals ging es noch um  schetschenien. Die Jungen in Russland müssen robust sein, denn der Wehrdienst in der russischen Armee ist immer noch schrecklich.

Anflug auf Wolgograd. »Es stand ein Soldat am Wolgastrand …« Angst beim Anflug. Graugrüne Felder von Furchen durchzogen. Einst Schützengräben? Der Flugplatz, im Januar 1943 der letzte Ausgang aus dem Kessel. Soldaten hängten sich an das Flugzeug. Angst und Panik in den letzten Stunden. Wie viele Soldaten kannten die Operettenschnulze und freuten sich auf eine einsame Wacht am Wolgastrand mit einer Fluppe in der Hand und Heimweh nach dem Vaterland. Es blieb ihnen keine Zeit, nur Angst. Wie viele haben sich gefragt, warum sie dort stehen?

Beim Blick aus dem Fenster auf die graugrüne Landschaft drängt sich die Frage auf: Sind alle Leichen geborgen? Die Erde neben der Rollbahn schwitzt die Leichen aus. Ich kann
es sehen. Sie ist voll mit ihnen. Wie viele der Männer hatten noch nie geküsst, bevor sie ums Überleben kämpften, töten mussten, getötet wurden. Wollten küssen, nicht vergewaltigen. Waren dabei, als gemordet wurde. Wollten überleben. Ihre Körper vergammelten im sandigen Boden der üdosteuropäischen Steppe. Hunderttausendfach hätten sie heute ihr Leben hinter sich, wären alt, weise, zufrieden vielleicht, hätten Kinder und Enkel, wären bestattet, hätten Blumen auf den Gräbern. Stattdessen wandern sie in Halbschlaf-Fieberfantasien beim Anflug auf Wolgograd.“

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Stalingrad

Wenn ich aus dem Kapitel „Stalingrad“ lese, passiert es immer wieder, dass Zuhörer oder Zuhörerinnen weinen.
Heute vor 75 war die Schlacht um Stalingrad zu Ende. Die Körberstiftung hat zu dem Anlass ein Interview mit mir geführt. Hier der Text:

 

Sie sind 2012 im Umfeld des 70. Jahrestags der Schlacht von Stalingrad nach Wolgograd gereist. Ihre Begegnungen und Erlebnisse stehen im Mittelpunkt des Kapitels zu Stalingrad in Ihrem Buch „Russian Angst“.
Was ist Ihnen von Ihrem Besuch 2012 in Wolgograd bis heute am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

In Wolgograd haben sich meine Dankbarkeit und mein Respekt vor den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg nicht gewonnen hat, noch einmal um ein Vielfaches verstärkt. Wir haben es auch den Menschen in der Sowjetunion zu verdanken, dass wir in freien, demokratischen Gesellschaften leben können. Etwas, das ihnen selbst leider verwehrt geblieben ist.

Ich war in all den Jahren in Russland, Weißrussland und der Ukraine an keinem anderen Ort, an dem das Leid, das der Krieg über die Menschen der Sowjetunion gebracht hat, so spürbar ist. Noch immer sind nicht alle Opfer der Schlacht von Stalingrad geborgen. Sie liegen unter der Erde auf weiten Feldern. Dort liegen auch ihre Stiefel, Patronen, Konserven, Autositze usw. Man geht quasi über die Leichen, muss nur ein wenig buddeln, dann kann man auf Knochen stoßen. Es ist grausig, besonders, weil das Sterben so sinnlos war. In Wolgograd wird der Irrsinn von Krieg und Einmarsch in andere Länder überdeutlich. Welch ein Wahnsinn, Deutsche Soldaten an die Wolga zu treiben. Was zur Hölle wollte die Wehrmacht dort? Deutsche Soldaten hatten dort nichts zu suchen. Weiterlesen

Irren ist wünschenswert – der Senf zur Weltlage 2018

Es ist ja immer schwierig, Ereignisse vorauszusagen, aber dass Wladimir Putin im März erneut zum Präsidenten Russlands gewählt wird, ist schon ziemlich klar. Weitere sechs Jahre wird die Amtszeit dauern. Putin wird, wenn er bis zum Schluss im Amt bleibt, 71 Jahre alt sein und 20 Jahre an der Spitze Russlands gestanden haben, plus vier Jahre als Premierminister. 20 bzw. 24 Jahre haben nur wenige Staatschefs geschafft, und die meisten nicht demokratisch.
Den Ausblick auf das Jahr mit Putin hat SWR2 heute morgen (5.1.18) gesendet:

Putin wird nicht schummeln müssen. Die Mehrheit der Russen steht hinter ihm. Sie haben ja auch keine andere Wahl. Alle ernst zunehmenden politischen Kräfte sind längst ausgeschaltet. Und die Medien singen das hohe Lied des Herrschers. So machen Wahlen Spaß – jedenfalls Wladimir Putin. Da braucht er nicht mal eine Partei.

Putin muss Kritik nicht fürchten, er steht für Stabilität, ist derjenige, der Russland wieder groß macht und an die Großmacht Sowjetunion anknüpft, die der Welt die Stirn bietet. Putin Molodez – ein Prachtkerl halt. Er holt die großen Welt-Sportereignisse nach Russland, 2018 wird er sich im Licht der Fußball-WM sonnen.

Putin bewahrt Russland vor Chaos, wie wir es angeblich in der EU haben, vor dem Niedergang westlicher Demokratien und vor Demokraten, die doch nur eins im Sinn haben, Länder ins Chaos zu stürzen – siehe Ukraine.

Putin hat leichtes Spiel: In großen Teilen der Bevölkerung sind Liberalismus und Demokratie negativ besetzt. Die Begriffe stehen für die 90er Jahre, als das Land in Armut und Chaos versank. Putin ist der Politiker, der all das beendet hat. Medien und staatliche Stellen schüren Angst, dass sich so eine Situation wiederholen könnte.

2018 wird erneut das Jahr von Vladimir Putin. Das ist nicht gut, denn Putin ist ein erklärter Gegner von Liberalismus und Demokratie. Nicht nur im eigenen Land. Regierung und Propaganda vertiefen bewusst Gräben zu anderen Staaten. Die Regierung verstößt gegen Verträge, die Russland nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion unterschrieben hat, hält sich nicht an Absprachen und macht dafür die verblüfften Partner vor allem in Westeuropa verantwortlich. Erfolgreich. Das unsinnige Gerede von einer Wiederauflage der Systemkonfrontation, eines neuen kalten Krieges, setzt sich fest. Die russische Propaganda zeigt Wirkung. Es sind die Überbringer schlechter Nachrichten, die für eine angeblich negative Russlandberichterstattung verantwortlich gemacht werden.

Putin nutzt die Schwächen anderer Menschen gnadenlos aus. Erinnern wir uns kurz daran, wie er Angela Merkel mit seinem Hund verschreckte, wohl wissend, dass Merkel als Kind von einem Hund angefallen wurde und Angst vor Hunden hat. Diese Episode steht stellvertretend für den Regierungsstil Russlands unter Putin. Es ist immer noch schwer vorstellbar dass jemand so schamlos lügt, wie es die russische Führung unter Putin tut. Putin verehrt Stalin und droht Nachbarn offen. Und er sieht sich als derjenige, der die slawischen Stämme eint. Zuletzt beschwor er während seiner Pressekonferenz Mitte Dezember die Einheit der Ostslawen, das mittelalterliche Reich der Rus, das in Kiew seinen Ursprung hatte. Wir sind ein Land, sagte er – das kann man auch als Ankündigung verstehen, die Ukraine langfristig einzugemeinden. Zumal Putin sehr wohl weiß, dass kein Nato-Soldat für die Ukraine in den Krieg ziehen wird.

Die Regierung Putin wird auf Konfrontationskurs bleiben. Das muss man ernst nehmen. Er macht, was er ankündigt, und manchmal macht er Sachen, die er nicht angekündigt hat. Das wird auch 2018 dafür sorgen, dass die Lage kein‘ Deut besser wird. Ich hoffe, ich irre mich.

Das perfekte Weihnachtsgeschenk!

Mit Gerd Ruge auf der Wolga…
Mit Klaus Bednarz am Baikalsee…
In diesem Jahr kommt das ARD-Weihnachtsprogramm anscheinend ohne Babuschka und Balalaika aus. Was nun?
LESEN!
Russian Angst – Das perfekte Weihnachtsgeschenk für die ganze Familie!
Und wer sich bei mir meldet und mir nachweisen kann, dass er/sie das Buch verschenkt oder bekommen hat, dem/ der schicke ich das bisher unveröffentlichte Bonuskapitel „Putins Geburtstag“.
Am besten, Sie schenken es gleich mehrfach, dann können alle gleichzeitig lesen und es ist ein bisschen wie gemeinsam fernsehen.

Bilitis in T‘bilisi – Kaukasische Assoziationen, posthum David Hamilton gewidmet. Von Martin Reiner

Tirpitz in Tiflis? Bakunin in Batumi?
Trump war hier, aber nicht die Tiger-Panzer,
ein Tower steht hier zum Beweis. Il Papa sprach
vor leeren Reihen. Ilja heißt der Spielverderber,
Always ultra-orthodox.

Das Goldene Vlies ist lang schon weg, für manche
war’s erst gestern. Die Erinnerung ist einfach
zu groß. Jason schaut traurig zum Meer,
vor sich ein Pferderest. Beton:
Es kommt drauf an, was man draus macht.

In Graf Draculadzes Spukhotel tanzen die Vampire
um den Rattansessel von Emanuelle.
Marmor, Marmor, Marmor, Orgientaugliche Badewannen.
Das Spiegelbild verdampft, Putz blättert von den Wänden,
Lüften wär nicht schlecht in den Subtropen.

Ich denke oft an Piroschmani. Er grüßt mich überall, schaut,
geronnen zum Klischee, aus jedem Schaufenster. Auch
Josef sieht man viel, sein Schnauzbart schmückt die Auslagen.
Sakhartvelo träumt weiter den georgischen Traum.
Neandertalerselfies schmücken die Fassaden.

Wer hat’s erfunden? Den Wein? Das Käsebrot?
Das beste Schaschlik der Welt? Wo war der Garten Eden?
Frag nach in Georgien. Wo Männer noch Männer sind.
Und Salome ihren Opfern hilft. Der Blick von außen ist gemein.
Zwischen Heydar Alijew und George Bush fließt das Wasser gen Osten.

Die georgische Macht wirft Würste auf Veganer. Leider
meinen sie es ernst. Ein Kopftuch weggerissen, ’ne Scheibe
eingeschmissen, Ihr solltet Euch verpissen, man wird Euch
nicht vermissen. Im Kiwi feiern die Gepiercten ihren Traum
von Europa.

Saakashvili, Schewardnadse,
Dshugashvili, Abaschidse
Ivanishvili, Kobiashvili, Kwirikashvili, Margwelashvili
Tamar hieß die Königin
Ischwill Ischwill da wieder hin.

 

Lenin lebt – was nun, Genosse Putin? Aufnehmen!