„Спасибо Деду за Победу“ – „Danke, Opa, für den Sieg“

Wolgograd ist ein Wechselbad der Gefühle. Dankbarkeit für die Befreiung Europas von den Nazis. Unfassbar die vielen Toten, unfassbar die Sinnlosigkeit. Mich hat der Militarismus der Regierung schwer irritiert und in einen Zwispalt gestürzt: Wie viel Kritik darf ich mir als deutscher Autor (Jahrgang 1967) erlauben. Oder muss ich sogar? Welche Verantwortung habe ich als Deutscher der Enkelgeneration?

Auszug aus Russian Angst:
„Siegen ist zeitgemäß, wenn orange-schwarze Georgsbänder die Menschen zusammenbinden. Schon wird ein neues Siegen vorbereitet und ein neues Sterben alsbald. Ja, bereitet sie nur vor, die Kleinen. Die Veteranen sterben. Da braucht man neue Siege, bitter erkämpft, neue Helden und neue Veteranen, sonst ist das Kostümfest hin. Darum wäre es nicht schade, finde ich, immer im Konflikt mit mir selbst, wie viel Meinung ich als Deutscher dazu haben sollte.

 

Auf der Straße herrscht Familienfeststimmung. Die Mädchen haben Beine, lang und länger, und tragen Röcke, kurz und kürzer, tragen zur Uniform Schuhe mit hohen Absätzen. Und kommt ein Veteran vorbei in Paradeuniform mit geschwellter Brust und Lenin-Orden, dann wird schnell ein Selfie gemacht. Gerade sein Gang, am 9. Mai hat er gesiegt, sonst ist er ein alter Mann mit Stock und einem Enkel, der selbst längst Vater ist. Dann kommen Kinder mit Blumen. »Danke für den Sieg, Veteran!« Schnell noch ein Foto, und ein letztes Mal strafft sich der alte Körper und steht gerade, die Hand an der Mütze, grüßt er nicht ihn, Stalin, er grüßt die Digitalkamera. Und auch ich denke wieder einmal: Schön, dass die Nazis weg sind, danke, Veteran.“

Stalingrad

Wenn ich aus dem Kapitel „Stalingrad“ lese, passiert es immer wieder, dass Zuhörer oder Zuhörerinnen weinen.
Heute vor 75 war die Schlacht um Stalingrad zu Ende. Die Körberstiftung hat zu dem Anlass ein Interview mit mir geführt. Hier der Text:

 

Sie sind 2012 im Umfeld des 70. Jahrestags der Schlacht von Stalingrad nach Wolgograd gereist. Ihre Begegnungen und Erlebnisse stehen im Mittelpunkt des Kapitels zu Stalingrad in Ihrem Buch „Russian Angst“.
Was ist Ihnen von Ihrem Besuch 2012 in Wolgograd bis heute am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

In Wolgograd haben sich meine Dankbarkeit und mein Respekt vor den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg nicht gewonnen hat, noch einmal um ein Vielfaches verstärkt. Wir haben es auch den Menschen in der Sowjetunion zu verdanken, dass wir in freien, demokratischen Gesellschaften leben können. Etwas, das ihnen selbst leider verwehrt geblieben ist.

Ich war in all den Jahren in Russland, Weißrussland und der Ukraine an keinem anderen Ort, an dem das Leid, das der Krieg über die Menschen der Sowjetunion gebracht hat, so spürbar ist. Noch immer sind nicht alle Opfer der Schlacht von Stalingrad geborgen. Sie liegen unter der Erde auf weiten Feldern. Dort liegen auch ihre Stiefel, Patronen, Konserven, Autositze usw. Man geht quasi über die Leichen, muss nur ein wenig buddeln, dann kann man auf Knochen stoßen. Es ist grausig, besonders, weil das Sterben so sinnlos war. In Wolgograd wird der Irrsinn von Krieg und Einmarsch in andere Länder überdeutlich. Welch ein Wahnsinn, Deutsche Soldaten an die Wolga zu treiben. Was zur Hölle wollte die Wehrmacht dort? Deutsche Soldaten hatten dort nichts zu suchen.

Wie hat sich der Erinnerungsdiskurs zu Stalingrad in Russland heute, zum 75. Jahrestag, aus Ihrer Sicht verändert?

Die Feiern verändern sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ständig. Anfangs waren die Jubiläen Tage tiefer Trauer, die im Familienkreis begangen wurden.

Bei den öffentlichen Feiern stehen bisher die Veteranen im Mittelpunkt, doch sie werden mit jedem Jahr weniger. In der Region Wolgograd sollen es noch etwa 2000 sein, die den Krieg miterlebt haben, knapp 300 von ihnen sollen an der Schlacht von Stalingrad teilgenommen haben. Sie erhalten zum Jahrestag bestimmte soziale Geschenke wie zum Beispiel eine kostenlose medizinische Behandlung.

Heute hat das ganze Volksfestcharakter, einer der Höhepunkte ist eine Lasershow. Wie sich vor fünf Jahren schon abgezeichnete, werden die Feiern immer militaristischer. Damit ist das diesjährige Gedenken auch ein Spiegel der Entwicklung der ganzen Gesellschaft. Erstmals tragen bei der diesjährigen Parade Soldaten Porträts der Teilnehmer der Schlacht. Der Staat kapert damit eine Initiative von Privatpersonen. Sie entstand vor ein paar Jahren in Sibirien. Dort gingen Menschen am Tag des Sieges, dem 9. Mai, mit Bildern ihrer Vorfahren auf die Straße, unabhängig vom offiziellen Gedenken. Sie nannten es das „unsterbliche Regiment“, „bessmertnyj polk“, und wollten damit die Erinnerung personalisieren. Das Projekt war so erfolgreich, dass kurze Zeit später in Moskau auch Präsident Putin in so einem Zug mitlief und viele Unbeteiligte mit Portraits von Veteranen ausgestattet wurden. Diese Entwicklung setzt sich nun in Wolgograd fort.

Was auf mich immer ein wenig befremdlich wirkt, ist, dass an so einem Tag Kriegsgerät präsentiert wird. Die Armee präsentiert sich und wirbt für den Dienst in der Armee. Es gibt eine Konferenz mit dem Titel: „Stalingrad – ein Symbol des Heldentums, des Patriotismus und der Einheit der Völker Russlands und der Welt.“

Das Ziel von Kulturminister Medinski ist eine positive patriotische Darstellung der Vergangenheit. Diskussionen stören dabei. Der „Große Vaterländische Krieg“, so scheint mir, wird, je länger er zurückliegt, desto mehr zum Heiligtum, zur Klammer einer ausgefransten orientierungslosen Gesellschaft. Das macht Diskussionen und Gedenken schwierig, denn andere Ansichten werden schneller als früher persönlich genommen und als Beleidigung empfunden.

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang der Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg für die Rehabilitierung Stalins im heutigen Russland?

Eine zentrale. „Stalin hat Europa vom Faschismus befreit. Klar, es gab dunkle Seiten, aber Stalin war ein großer Feldherr und Führer.“ Ungefähr so kann man die offizielle Lesart von Stalin zusammenfassen. Die russische Regierung meint, daran anzuknüpfen, wenn sie gegen das „Chaos“ kämpft, das Demokratie vermeintlich über die Menschen bringt, und wenn sie versucht, Russland wieder zu sowjetischer Größe zu führen. Russland wird schamlos mit der Sowjetunion gleichgesetzt.

Gleichzeitig wird Geschichte verbogen, nichts wird hinterfragt. Begriffe aus der Stalinzeit sind wieder salonfähig, wie der der „ausländischen Agenten“. Die Propaganda versucht derzeit, die Reihen gegen angebliche „Feinde von außen“ zu schließen. Eine weitere Parallele zur Stalinzeit ist die Tendenz, das Wohl des Staates über das Individuum zu stellen. Das ist eine klare Absage an Demokratie.

Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung der Schlacht von Stalingrad in Deutschland?

Sie ist mittlerweile völlig anders als in Russland. Mein Eindruck ist, dass die Diskussionen, je länger die Schlacht zurückliegt, umso akademischer werden. Das ist ja auch normal.
Aber die Schlacht von Stalingrad bewegt die Leute nach wie vor. Ich habe neulich vor hundert Zuhörern bei der Volkshochschule Beckum-Wadersloh aus dem Stalingrad-Kapitel gelesen. Es waren hauptsächlich ältere Leute im Publikum. Und viele haben mit den Tränen gekämpft.
Meiner Ansicht nach müssen wir 75 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad und angesichts um sich greifenden Nationalismus dafür sorgen, dass alles getan wird, um Kriege und Imperialismus zu verhindern, egal wo.

 

Irren ist wünschenswert – der Senf zur Weltlage 2018

Es ist ja immer schwierig, Ereignisse vorauszusagen, aber dass Wladimir Putin im März erneut zum Präsidenten Russlands gewählt wird, ist schon ziemlich klar. Weitere sechs Jahre wird die Amtszeit dauern. Putin wird, wenn er bis zum Schluss im Amt bleibt, 71 Jahre alt sein und 20 Jahre an der Spitze Russlands gestanden haben, plus vier Jahre als Premierminister. 20 bzw. 24 Jahre haben nur wenige Staatschefs geschafft, und die meisten nicht demokratisch.
Den Ausblick auf das Jahr mit Putin hat SWR2 heute morgen (5.1.18) gesendet:

Putin wird nicht schummeln müssen. Die Mehrheit der Russen steht hinter ihm. Sie haben ja auch keine andere Wahl. Alle ernst zunehmenden politischen Kräfte sind längst ausgeschaltet. Und die Medien singen das hohe Lied des Herrschers. So machen Wahlen Spaß – jedenfalls Wladimir Putin. Da braucht er nicht mal eine Partei.

Putin muss Kritik nicht fürchten, er steht für Stabilität, ist derjenige, der Russland wieder groß macht und an die Großmacht Sowjetunion anknüpft, die der Welt die Stirn bietet. Putin Molodez – ein Prachtkerl halt. Er holt die großen Welt-Sportereignisse nach Russland, 2018 wird er sich im Licht der Fußball-WM sonnen.

Putin bewahrt Russland vor Chaos, wie wir es angeblich in der EU haben, vor dem Niedergang westlicher Demokratien und vor Demokraten, die doch nur eins im Sinn haben, Länder ins Chaos zu stürzen – siehe Ukraine.

Putin hat leichtes Spiel: In großen Teilen der Bevölkerung sind Liberalismus und Demokratie negativ besetzt. Die Begriffe stehen für die 90er Jahre, als das Land in Armut und Chaos versank. Putin ist der Politiker, der all das beendet hat. Medien und staatliche Stellen schüren Angst, dass sich so eine Situation wiederholen könnte.

2018 wird erneut das Jahr von Vladimir Putin. Das ist nicht gut, denn Putin ist ein erklärter Gegner von Liberalismus und Demokratie. Nicht nur im eigenen Land. Regierung und Propaganda vertiefen bewusst Gräben zu anderen Staaten. Die Regierung verstößt gegen Verträge, die Russland nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion unterschrieben hat, hält sich nicht an Absprachen und macht dafür die verblüfften Partner vor allem in Westeuropa verantwortlich. Erfolgreich. Das unsinnige Gerede von einer Wiederauflage der Systemkonfrontation, eines neuen kalten Krieges, setzt sich fest. Die russische Propaganda zeigt Wirkung. Es sind die Überbringer schlechter Nachrichten, die für eine angeblich negative Russlandberichterstattung verantwortlich gemacht werden.

Putin nutzt die Schwächen anderer Menschen gnadenlos aus. Erinnern wir uns kurz daran, wie er Angela Merkel mit seinem Hund verschreckte, wohl wissend, dass Merkel als Kind von einem Hund angefallen wurde und Angst vor Hunden hat. Diese Episode steht stellvertretend für den Regierungsstil Russlands unter Putin. Es ist immer noch schwer vorstellbar dass jemand so schamlos lügt, wie es die russische Führung unter Putin tut. Putin verehrt Stalin und droht Nachbarn offen. Und er sieht sich als derjenige, der die slawischen Stämme eint. Zuletzt beschwor er während seiner Pressekonferenz Mitte Dezember die Einheit der Ostslawen, das mittelalterliche Reich der Rus, das in Kiew seinen Ursprung hatte. Wir sind ein Land, sagte er – das kann man auch als Ankündigung verstehen, die Ukraine langfristig einzugemeinden. Zumal Putin sehr wohl weiß, dass kein Nato-Soldat für die Ukraine in den Krieg ziehen wird.

Die Regierung Putin wird auf Konfrontationskurs bleiben. Das muss man ernst nehmen. Er macht, was er ankündigt, und manchmal macht er Sachen, die er nicht angekündigt hat. Das wird auch 2018 dafür sorgen, dass die Lage kein‘ Deut besser wird. Ich hoffe, ich irre mich.

Russian Angst

Die Körberstiftung/Edition Körber hat die Buchvorstellung am 3.4.2017 aufgezeichnet.
Vielen Dank allen, die da waren und diskutiert haben und den Veranstaltern!

Auf dem Podium der Autor Thomas Franke
Moderation: Bernd Großheim, NDR

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Moskau wird geputzt. Die schwarzen Haufen alten Schnees werden auf LKW verladen. Gastarbeiter aus Zentralasiaten streichen Zäune und Bordsteine, Spielgeräte und Müllcontainer, oft in grün. Junge Frauen posieren im Park Pobedy, dem Siegespark. Moskau rüstet sich für die Feiertage. Der 1. Mai ist arbeitsfrei, der 9. Mai, der Tag des Sieges, auch. Viele Hauptstädter fahren zehn Tage auf die Datscha, machen sauber, säen Gemüse, pflanzen Kartoffeln…

dewuschki im park pobedi wasserzeichen

 

Russian Angst – Buchpremiere

Montag, 03.04.2017 | 19.00 Uhr
Ort:
KörberForum
Kehrwieder 12
20457 Hamburg

Anmeldung erforderlich. Bitte bei mir melden oder bei der Körberstiftung

Weitere Informationen

Sie erreichen das KörberForum – Kehrwieder 12 mit der U3, Station Baumwall (Fußweg ca. 3 Minuten).
Kostenpflichtige Parkplätze finden Sie in der Straße Kehrwieder hinter der Schranke.
Informationen zu rollstuhlgerechtem Zugang unter
040 80 81 920.

Auf dem Podium der Autor Thomas Franke
Moderation: Bernd Großheim, NDR

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Russian Angst

„In der Mitte des Platzes bildet sich ein Menschenknäuel. Polizisten bücken sich, schauen den Spaziergängern durch die Beine: „Genosse General“, sagt einer in sein Funkgerät, „sie bauen ein Zelt auf!“ Die Uniformierten werden hektisch. Ein Zelt vor dem Kreml. Der GAU für die Sicherheitskräfte. Zelte gehen gar nicht. Zelte symbolisieren demokratischen Umbruch.

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