Krim, Krieg, krude Geschichten – Ein Mythos wird vergewaltigt

Nein, es ist nicht alles schön auf der Krim. Und es geht auch nicht allen gut.

Aber: Wer schon immer mal krimtatarische Gedichte hören wollte, der hat hier die Möglichkeit. Ich finde, es lohnt. Krimtatarisch klingt einfach sehr schön!

Das Feature gibt es hier:

 

oder hier:
https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr2-lesenswert-feature-krim-krieg-krude-geschichten/-/id=659892/did=20940878/nid=659892/kzx56b/index.html

„Спасибо Деду за Победу“ – „Danke, Opa, für den Sieg“

Wolgograd ist ein Wechselbad der Gefühle. Dankbarkeit für die Befreiung Europas von den Nazis. Unfassbar die vielen Toten, unfassbar die Sinnlosigkeit. Mich hat der Militarismus der Regierung schwer irritiert und in einen Zwispalt gestürzt: Wie viel Kritik darf ich mir als deutscher Autor (Jahrgang 1967) erlauben. Oder muss ich sogar? Welche Verantwortung habe ich als Deutscher der Enkelgeneration?

Auszug aus Russian Angst:
„Siegen ist zeitgemäß, wenn orange-schwarze Georgsbänder die Menschen zusammenbinden. Schon wird ein neues Siegen vorbereitet und ein neues Sterben alsbald. Ja, bereitet sie nur vor, die Kleinen. Die Veteranen sterben. Da braucht man neue Siege, bitter erkämpft, neue Helden und neue Veteranen, sonst ist das Kostümfest hin. Darum wäre es nicht schade, finde ich, immer im Konflikt mit mir selbst, wie viel Meinung ich als Deutscher dazu haben sollte.

 

Auf der Straße herrscht Familienfeststimmung. Die Mädchen haben Beine, lang und länger, und tragen Röcke, kurz und kürzer, tragen zur Uniform Schuhe mit hohen Absätzen. Und kommt ein Veteran vorbei in Paradeuniform mit geschwellter Brust und Lenin-Orden, dann wird schnell ein Selfie gemacht. Gerade sein Gang, am 9. Mai hat er gesiegt, sonst ist er ein alter Mann mit Stock und einem Enkel, der selbst längst Vater ist. Dann kommen Kinder mit Blumen. »Danke für den Sieg, Veteran!« Schnell noch ein Foto, und ein letztes Mal strafft sich der alte Körper und steht gerade, die Hand an der Mütze, grüßt er nicht ihn, Stalin, er grüßt die Digitalkamera. Und auch ich denke wieder einmal: Schön, dass die Nazis weg sind, danke, Veteran.“

Stalingrad II

Auszug aus Russian Angst:

„Ich bin müde von den Kämpfen, vom Sterben und von der Schuld, die die Erde auf den Feldern ausschwitzt, und der Sühne, dem Sieg, dem Saufen. Ich nicke immer wieder weg. Halbschlaf-Fantasien: Abflug aus Stalingrad. Ein Flugzeug am Boden. Laufender Propeller. Feldgraue Gestalten drängen sich, versuchen, in das Flugzeug zu kommen. Addi war hier.
Unser Nachbar. Damals. Viel jünger als ich heute. Adolf Eidam, Autopolsterer aus Hamburg-Barmbek. Er schlief nicht. Ging nachts. Ruhelos. Wandernd, wie die Splitter in seinem Körper. Addi saß vor dem Fernseher. Rauchte. Roth-Händle. Trank. Astra. Bismarck-Sprudel. Wählte. Schmidt. Saß in einem der letzten Flugzeuge, die Stalingrad verlassen haben. Mein Wachtraum ist schwarz-weiß.

Ich bin nervös, nicht wegen der Recherche, eher wegen der Emotionen. Das Land erzwingt die Auseinandersetzung. Die Sowjetunion unter Stalin hielt die Opferzahlen klein. Nach
dem Krieg wurden die Leichen oft nicht geborgen. Es war 2001, als ich das erste Mal über die Leichen des Zweiten Weltkriegs gegangen bin. Es war in einem Wald. Da lagen Helme zwischen Bäumen, rostig längst, Getriebeteile, Leuchtspurmunition.

Federnd der Schritt auf 60 Jahren Waldboden. Darunter die Knochen. »Wo ein Helm liegt, liegt ein Toter.« Mir gehen die Worte der Aktivistin nicht aus dem Kopf: »Der Krieg ist erst zu Ende, wenn der letzte Tote bestattet ist.« Ich bin nicht derjenige, der diesen Krieg beenden kann. Immer wieder ist er auf der Überholspur in der jährlichen Woche der Siege. Ich bestatte nicht, ich berichte. Dieser Krieg geht nie zu Ende. In diesem Wald buddeln junge Männer die Leichen des Zweiten Weltkriegs aus, »damit sie sich an Tote gewöhnen«, sagte die Aktivistin, »und an die Kampfeinsätze der Armee«. Damals ging es noch um  schetschenien. Die Jungen in Russland müssen robust sein, denn der Wehrdienst in der russischen Armee ist immer noch schrecklich.

Anflug auf Wolgograd. »Es stand ein Soldat am Wolgastrand …« Angst beim Anflug. Graugrüne Felder von Furchen durchzogen. Einst Schützengräben? Der Flugplatz, im Januar 1943 der letzte Ausgang aus dem Kessel. Soldaten hängten sich an das Flugzeug. Angst und Panik in den letzten Stunden. Wie viele Soldaten kannten die Operettenschnulze und freuten sich auf eine einsame Wacht am Wolgastrand mit einer Fluppe in der Hand und Heimweh nach dem Vaterland. Es blieb ihnen keine Zeit, nur Angst. Wie viele haben sich gefragt, warum sie dort stehen?

Beim Blick aus dem Fenster auf die graugrüne Landschaft drängt sich die Frage auf: Sind alle Leichen geborgen? Die Erde neben der Rollbahn schwitzt die Leichen aus. Ich kann
es sehen. Sie ist voll mit ihnen. Wie viele der Männer hatten noch nie geküsst, bevor sie ums Überleben kämpften, töten mussten, getötet wurden. Wollten küssen, nicht vergewaltigen. Waren dabei, als gemordet wurde. Wollten überleben. Ihre Körper vergammelten im sandigen Boden der üdosteuropäischen Steppe. Hunderttausendfach hätten sie heute ihr Leben hinter sich, wären alt, weise, zufrieden vielleicht, hätten Kinder und Enkel, wären bestattet, hätten Blumen auf den Gräbern. Stattdessen wandern sie in Halbschlaf-Fieberfantasien beim Anflug auf Wolgograd.“

Stalingrad

Wenn ich aus dem Kapitel „Stalingrad“ lese, passiert es immer wieder, dass Zuhörer oder Zuhörerinnen weinen.
Heute vor 75 war die Schlacht um Stalingrad zu Ende. Die Körberstiftung hat zu dem Anlass ein Interview mit mir geführt. Hier der Text:

 

Sie sind 2012 im Umfeld des 70. Jahrestags der Schlacht von Stalingrad nach Wolgograd gereist. Ihre Begegnungen und Erlebnisse stehen im Mittelpunkt des Kapitels zu Stalingrad in Ihrem Buch „Russian Angst“.
Was ist Ihnen von Ihrem Besuch 2012 in Wolgograd bis heute am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

In Wolgograd haben sich meine Dankbarkeit und mein Respekt vor den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg nicht gewonnen hat, noch einmal um ein Vielfaches verstärkt. Wir haben es auch den Menschen in der Sowjetunion zu verdanken, dass wir in freien, demokratischen Gesellschaften leben können. Etwas, das ihnen selbst leider verwehrt geblieben ist.

Ich war in all den Jahren in Russland, Weißrussland und der Ukraine an keinem anderen Ort, an dem das Leid, das der Krieg über die Menschen der Sowjetunion gebracht hat, so spürbar ist. Noch immer sind nicht alle Opfer der Schlacht von Stalingrad geborgen. Sie liegen unter der Erde auf weiten Feldern. Dort liegen auch ihre Stiefel, Patronen, Konserven, Autositze usw. Man geht quasi über die Leichen, muss nur ein wenig buddeln, dann kann man auf Knochen stoßen. Es ist grausig, besonders, weil das Sterben so sinnlos war. In Wolgograd wird der Irrsinn von Krieg und Einmarsch in andere Länder überdeutlich. Welch ein Wahnsinn, Deutsche Soldaten an die Wolga zu treiben. Was zur Hölle wollte die Wehrmacht dort? Deutsche Soldaten hatten dort nichts zu suchen.

Wie hat sich der Erinnerungsdiskurs zu Stalingrad in Russland heute, zum 75. Jahrestag, aus Ihrer Sicht verändert?

Die Feiern verändern sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ständig. Anfangs waren die Jubiläen Tage tiefer Trauer, die im Familienkreis begangen wurden.

Bei den öffentlichen Feiern stehen bisher die Veteranen im Mittelpunkt, doch sie werden mit jedem Jahr weniger. In der Region Wolgograd sollen es noch etwa 2000 sein, die den Krieg miterlebt haben, knapp 300 von ihnen sollen an der Schlacht von Stalingrad teilgenommen haben. Sie erhalten zum Jahrestag bestimmte soziale Geschenke wie zum Beispiel eine kostenlose medizinische Behandlung.

Heute hat das ganze Volksfestcharakter, einer der Höhepunkte ist eine Lasershow. Wie sich vor fünf Jahren schon abgezeichnete, werden die Feiern immer militaristischer. Damit ist das diesjährige Gedenken auch ein Spiegel der Entwicklung der ganzen Gesellschaft. Erstmals tragen bei der diesjährigen Parade Soldaten Porträts der Teilnehmer der Schlacht. Der Staat kapert damit eine Initiative von Privatpersonen. Sie entstand vor ein paar Jahren in Sibirien. Dort gingen Menschen am Tag des Sieges, dem 9. Mai, mit Bildern ihrer Vorfahren auf die Straße, unabhängig vom offiziellen Gedenken. Sie nannten es das „unsterbliche Regiment“, „bessmertnyj polk“, und wollten damit die Erinnerung personalisieren. Das Projekt war so erfolgreich, dass kurze Zeit später in Moskau auch Präsident Putin in so einem Zug mitlief und viele Unbeteiligte mit Portraits von Veteranen ausgestattet wurden. Diese Entwicklung setzt sich nun in Wolgograd fort.

Was auf mich immer ein wenig befremdlich wirkt, ist, dass an so einem Tag Kriegsgerät präsentiert wird. Die Armee präsentiert sich und wirbt für den Dienst in der Armee. Es gibt eine Konferenz mit dem Titel: „Stalingrad – ein Symbol des Heldentums, des Patriotismus und der Einheit der Völker Russlands und der Welt.“

Das Ziel von Kulturminister Medinski ist eine positive patriotische Darstellung der Vergangenheit. Diskussionen stören dabei. Der „Große Vaterländische Krieg“, so scheint mir, wird, je länger er zurückliegt, desto mehr zum Heiligtum, zur Klammer einer ausgefransten orientierungslosen Gesellschaft. Das macht Diskussionen und Gedenken schwierig, denn andere Ansichten werden schneller als früher persönlich genommen und als Beleidigung empfunden.

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang der Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg für die Rehabilitierung Stalins im heutigen Russland?

Eine zentrale. „Stalin hat Europa vom Faschismus befreit. Klar, es gab dunkle Seiten, aber Stalin war ein großer Feldherr und Führer.“ Ungefähr so kann man die offizielle Lesart von Stalin zusammenfassen. Die russische Regierung meint, daran anzuknüpfen, wenn sie gegen das „Chaos“ kämpft, das Demokratie vermeintlich über die Menschen bringt, und wenn sie versucht, Russland wieder zu sowjetischer Größe zu führen. Russland wird schamlos mit der Sowjetunion gleichgesetzt.

Gleichzeitig wird Geschichte verbogen, nichts wird hinterfragt. Begriffe aus der Stalinzeit sind wieder salonfähig, wie der der „ausländischen Agenten“. Die Propaganda versucht derzeit, die Reihen gegen angebliche „Feinde von außen“ zu schließen. Eine weitere Parallele zur Stalinzeit ist die Tendenz, das Wohl des Staates über das Individuum zu stellen. Das ist eine klare Absage an Demokratie.

Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung der Schlacht von Stalingrad in Deutschland?

Sie ist mittlerweile völlig anders als in Russland. Mein Eindruck ist, dass die Diskussionen, je länger die Schlacht zurückliegt, umso akademischer werden. Das ist ja auch normal.
Aber die Schlacht von Stalingrad bewegt die Leute nach wie vor. Ich habe neulich vor hundert Zuhörern bei der Volkshochschule Beckum-Wadersloh aus dem Stalingrad-Kapitel gelesen. Es waren hauptsächlich ältere Leute im Publikum. Und viele haben mit den Tränen gekämpft.
Meiner Ansicht nach müssen wir 75 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad und angesichts um sich greifenden Nationalismus dafür sorgen, dass alles getan wird, um Kriege und Imperialismus zu verhindern, egal wo.

 

Anflug

„Willkommen in der Heldenstadt Moskau“, sagt der Stewart nach der Landung
Der Ukrainer neben mir lächelt
„Aeroflot unterstützt die russische Filmindustrie“
Der Ukrainer neben mir horcht auf
„Russland ist 1000 Jahre alt“
Der Ukrainer wird blass

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Macht

macht es gemütlich
dann zerstückelt ein paar von ihnen

sorgt dafür, dass alle hinsehen
sorgt dafür, dass sie wegsehen können
und dann wird es wieder gemütlich

so geht macht

toter ausstellung winsawod wasserzeichen

Veröffentlicht unter Krieg

Hörbar Lesung 8.8. – Montag

Analsex mit Walter Ulbricht?
Pornos in Moskau – warum fördert das Goetheinstitut nicht die wahren Lehrfilme für Deutsche Sprache?
text haurdicNebenan erschießen sie Menschen, und ich trage dieses bescheuerte blaue Hemd aus Plastik, mit dem ich im Internet zu sehen bin. Jedes Mal, wenn ich mich selbst google, ärgere ich mich.

Hörbar. In der Mo-Bar
Montag, 8.8. – Achtung – 8 Uhr
Fehrbelliner Straße 6
Berlin

Getränke gibt es an der Bar ab 19.30

In der Zeit

In der Zeit, in der LKWs in Menschenmengen fahren
In der Zeit, in der Morde an Fremden jahrelang nicht aufgeklärt werden
In der Zeit, in der jeder jeden beschimpfen darf
In der Zeit, in der Menschen irgendetwas behaupten
In der Zeit, in der das wahr wird, und die Wahrheit nicht mehr in der Mitte ist, wo sie sowieso nie war
In der Zeit, in der allen alles zu viel ist
In der Zeit, in der Clowns die Leute aufhetzen
In der Zeit, in der scheinbar einfach so Kriege ausbrechen
In der Zeit, in der die Menschen ihre Unmündigkeit wiederentdecken
In der Zeit, in der die höheren Töchter sich Tattoos stechen lassen, als Beweis ihrer wilden Jugend

Die Freiheit ist vielen lästig
Es ist Zeit