Vom Missbrauch der Trauer

Als ich das erste Mal in die Länder der ehemaligen Sowjetunion gereist bin, war ich überrascht. Ich war es gewohnt, dass man mir als Deutscher im Ausland, 22 Jahre nach Kriegsende geboren, reserviert bis ablehnend gegenüber tritt. Aber die Bevölkerung der Sowjetunion – Russen, Ukrainer, Weißrussen, Georgier, Armenier und all die anderen – trennten zwischen den Menschen und der Macht, genau wie sie zwischen den Soldaten und denen, die sie dorthin befohlen hatten, an die Front, in den Tod, trennen. Auch als nach dem Ende der Sowjetunion Veteranen aus Deutschland anfingen, an die Orte ihrer Schlachten im Osten zu reisen, wurden sie dort herzlich willkommen geheißen. Die alten Männer und Frauen sangen gemeinsam, redeten, aßen und tranken, weinten. Das war gelebte Versöhnung und gemeinsame Trauer.

Davon ist die Sicht der Bevölkerung im heutigen Russland immer noch geprägt: von Trauer und Stolz auf die, die das „Dritte Reich“ in die Knie gezwungen haben.

Die Sicht der Regierung und ihres Medienapparates ist eine andere als die der Bevölkerung. Erneut wird da gegen den Faschismus gekämpft, diesmal in der Ukraine. Die Begriffe sind die gleichen, wie die, die beim Kampf gegen Hitlerdeutschland verwendet wurden. Das ist zynisch, verhöhnt die Opfer und das Leid, das Deutschland über die Menschen gebracht hat. Ganz zu schweigen davon, dass der Missbrauch des Wortes Faschismus vom wahren Faschismus ablenkt, ihn relativiert.

Der Tag des Sieges, wie wir ihn heute in Russland sehen, ist eine neuere Erfindung, um Macht zu demonstrieren und Russland in eine Reihe mit der Siegermacht Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zu stellen. In den ersten Jahren nach dem Krieg wurde der Tag nicht begangen, und wenn, dann still, trauernd, in der Familie. Erst später wurde ein nationaler Trauertag daraus.

Ich bin den Soldaten dankbar, die dafür gesorgt haben, dass Deutschland nicht noch mehr Unheil über die Welt bringen konnte. Ich empfinde Scham für die Verbrechen, die die Generationen vor meiner in Europa und der Welt verübt haben, nicht nur in der Sowjetunion. Und ich zögere, das, was wir heute Vormittag in Moskau sehen, zu beurteilen. Steht es mir als 47-jährigem Deutschen zu, all das an so einem Tag zu kritisieren? Ist es vielleicht schlicht eine andere Gedenkkultur, die ich zu akzeptieren habe, die mich vielleicht auch gar nichts angeht?

Die russische Propaganda zum 70. Jahrestag hat nichts mit der Realität zu tun, schon gar nicht mit den historischen Fakten. Nein, die Propaganda missbraucht die großherzige Versöhnungskultur der Menschen in der ehemaligen Sowjetunion. Die wenigen noch lebenden Veteranen werden als Statisten ins Bild gestellt und sind spätestens am Montag wieder vergessen. Systematisch wird Geschichte solange frisiert, bis sie den Mächtigen im Kreml ins jeweils aktuelle Konzept passt. Das Wissen über den Zweiten Weltkrieg, über den Hitler-Stalin-Pakt ist katastrophal gering oder falsch. Die Symbole werden umgedeutet und stehen nicht mehr nur für den Sieg gegen Nazideutschland, sie stehen aktuell für die Annexion der Krim, für den Krieg im Osten der Ukraine. Sie stehen für die Angst der Nachbarn, wie Georgien, vor dem imperialistischen Handeln der Putin-Administration. Es ist klar, dass sich die Regierungen demokratischer Staaten nicht für die Großmachtinteressen Russlands missbrauchen lassen wollen und dem heutigen Aufmarsch fernbleiben.

Gibt es eine Lehre 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Es gibt sie: jeder Art von Totalitarismus offensiv entgegen zu treten. Jede Sichtweise, gerade die eigene, kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen, und dabei aktiv für Frieden, Freiheit und Demokratie einzutreten. Das heißt auch, den Kremlpropagandisten nicht das Feld zu überlassen, sondern die Dankbarkeit und Trauer zu zeigen.

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