Geschichte wird gemacht

Den Missbrauch des Kriegsendes und meine Meinung dazu kann man hören.

Einmal als Gespräch im Deutschlandradio:
http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=&drau:from=&drau:searchterm=franke&drau:submit=1&drau:to=&drau:page=1&drau:audio_id=453960&drau:play=1

Und als Kommentar beim SWR:
http://www.swr.de/swr2/programm/russlands-militaerischer-feiertag-tag-des-sieges-moskau-zelebriert-die-isolation/-/id=661104/did=17402352/nid=661104/1k8gzub/index.html

Den Kommentar kann man auch lesen:

Vor 71 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Sich darüber zu freuen und diejenigen zu ehren, die das erkämpft und oft ihr Leben dafür gegeben haben, ist für denkende Menschen wohl selbstverständlich.

Selbst wenn von den Veteranen heute kaum noch jemand lebt. Auch wenn es 71 Jahre her ist, feiert Russland den Tag des Sieges, mit einer großen Militärparade, das Land ist geschmückt mit Georgsbändern, Hammer und Sichel, vereinzelt auch mit Stalinbildern. Tagelang lief auf Werbetafeln in Moskau ein Countdown zum Tag des Sieges. Und was da alles gesagt wird, hat mit historischen Fakten immer weniger zu tun. In Moskau wird Geschichte gemacht, wie es den Mächtigen gerade ins Konzept passt. Russland nimmt den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg für sich in Anspruch. Alle anderen Völker und Staaten, die mal die Sowjetunion gebildet haben, werden einfach vereinnahmt. Die Tatsache, dass die USA die Sowjetunion logistisch massiv unterstützt haben, bleibt unerwähnt. Wie selbstvergessen historische Erinnerung in Russland heute ist, zeigt sich besonders am Datum des Kriegsbeginns. In Russland ist es nicht im September 1939, als Hitlerdeutschland in Polen einmarschiert ist und kurz darauf die Rote Armee von der anderen Seite; in Russland beginnt der „Große Vaterländische Krieg“ mit dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941.

Eine Mitschuld der Sowjetunion am Zweiten Weltkrieg wird in Moskau ebenso ausgeblendet wie die Schuld am Krieg und der Krise in der Ukraine, die verbrecherische Annexion der Krim, die Überflüge von NATO-Territorium durch russische Kampfjets, und so weiter. Die Regierung unter Vladimir Putin hat das Land von einer kränkelnden Demokratie in einen totalitären Staat verwandelt. Nur fehlt eine Ideologie, hinter der sich die Bevölkerung versammeln kann. Deshalb braucht die Regierung Feinde. Das sind erstmal alle, die das Treiben in Moskau kritisch betrachten. Die werden dann Faschisten genannt. Das macht es einfach, denn Faschisten hat man mal besiegt. Und dann sind wir auch gleich bei der Rechtfertigung, mit der in Russland aggressiv gegen Menschen, Organisationen und Staaten vorgegangen wird, die den Mächtigen in die Quere kommen. Der Begriff Faschismus wird dabei abgekoppelt von seiner wahren Bedeutung benutzt. Glühende Rassisten, Homophobe, Stalinisten, chauvinistische Nationalisten und Kriegstreiber kämpfen gegen Faschismus.

Einmal mehr werden Worte zur Waffe, wird Geschichte gemacht von den Siegern, das Recht nimmt sich die russische Propaganda. Russland steckt tief in der Krise, die Auswanderungswelle läuft, der Wohlstand sinkt, das Land isoliert die eigene Bevölkerung. Die Militärparade auf dem Roten Platz dient dazu, die Größe der Sowjetunion zu beschwören, in dem man die alten Bilder neu auflegt. Und es hilft, Russland als ebenso mächtig zu präsentieren. Militärparaden sind immer dazu da, andere einzuschüchtern. Mann muss das ernst nehmen. Die Mächtigen um Putin sind in der Lage, aus reinem Machtkalkül das ideologische Vakuum, die Abwesenheit jeder Art von Werten, durch einen weiteren Krieg zu überdecken. Und der wird dann nicht mehr mit nur Propaganda und Desinformation geführt, und der wird alles andere als kalt.