Moskauer Matrix 2 – Nach Putins Jahrespressekonferenz

Es ist ein Ritual. Es wirkt modern, doch unter der Oberfläche ist es zutiefst rückwärtsgewandt. Präsident Putins Macht geht weit über die der Generalsekretäre der Sowjetunion hinaus. Und um die zu festigen, entwirft er eine Welt, die ihm gefällt – oder nützt. Willkommen in Putins Paralleluniversum.

Die dazu geladene internationale Öffentlichkeit wird Zeuge, wie tief die Sowjetunion noch in der Gesellschaft verwurzelt ist. „Vladimir Vladimirovitsch. Ich überbringe Ihnen die herzlichsten Grüße der Veteranen aus Sibirien.“ Da freute sich Herrscher Putin und trug seinerseits auf, den Veteranen im tiefen Osten die besten Wünsche zum Jahreswechsel zu überbringen. Absurd? Keinesfalls. Die Anwesenden Mediengesandten klatschten ernst und begeistert. In den Jahren davor wurden auch schon Ernteerfolge verkündet.

Kennt man alles aus der Sowjetunion. Erschreckend ist nur, dass die russische Öffentlichkeit das nicht skandalös findet, fast gewinnt man den Eindruck, viele sind froh, dass nicht mehr so viele kritischen Frage gestellt werden. Haben die alle vergessen, wofür sie am Ende der Sowjetunion und in den 90er Jahren auf die Strasse gegangen sind? Pressefreiheit? „Auch so etwas aus dem Westen.“ „Die Medien dienen immer den Mächtigen.“ „Einigkeit macht stark.“ Viele Medienvertreter, die dort sitzen, bergreifen sich auch als Gesandte ihrer Region zur Macht nach Moskau. Und als Transporteure des Verkündeten, als Unterstützer der Macht.

Putins Parallelwelt ist zutiefst patriotisch und paranoid. Da arbeiten alle zum Wohle des Vaterlands und gegen die immer mehr werdenden Feinde von außen. Und damit alle Patrioten motiviert bleiben, gratuliert Putin während der Pressekonferenz den Ingenieuren.

Putins Parallelwelt ist eine Rückkehr in eine Art Sowjetunion mit den Mitteln des 21ten Jahrhunderts. Statt einer geschlossenen Gesellschaft präsentiert Putin, und mit ihm alle, die in Russland unter dem Begriff Vlast, Macht, laufen, ein geschlossenes Gedankengebilde, das den informierten Betrachter immer wieder in Zweifel an seinem Wissen und seiner Wahrnehmung stürzt. Russland ist unschuldig am Konflikt mit den Nachbarn Georgien und der Ukraine, die seien von der EU entmachtet. Nach dem Abschuss des Kampffliegers durch türkische Militärs verkündete das Aussenministerium, russische Touristen sollten die Türkei verlassen, dort sei es zu gefährlich. Der Stuss bleibt in Russland weitgehend unwidersprochen.

Der Konflikt mit der Türkei und das Großmachtgehabe der russischen Machthaber gehört auch zur Putinschen Parallelwelt. Über Nacht wurde Erdogan, der Präsident der Türkei, vom besten Kumpel zum Förderer des internationalen Terrorismus. Und Russland stilisiert sich als die Macht, die entschlossen gegen den selbsternannten Islamischen Staat vorgeht. Zahlreiche Quellen deuten aber darauf hin, dass Russlands Soldaten in Syrien offensichtlich nicht allein gegen den IS kämpfen, sondern für den Diktator Assad.

Weiter geht es in der Parallelwelt: Russland habe die Krise überwunden, verkündet Putin, und Investoren würden sich dem Land zuwenden.

Vieles in Putins Parallelwelt hält einer ernsthaften Prüfung nicht stand. Manchmal lügt er sogar. Nichts hat das besser gezeigt als die Mär von den „freundlichen Menschen“, die über Nacht die Krim besetzt haben. Das seien keine russischen Soldaten, so Putin. Später zeichnete er sie mit Orden aus.

Die alljährliche Pressekonferenz ist ein Ritual, das dazu dient, Putins Parallelwelt durch immerwährende Wiederholungen und Verdrehung von Tatsachen zur Realität zu machen – zumindest in den Köpfen eines erschreckend willfährigen Publikums in Russland. Aber auch im Ausland.

Diese Rituale und Reflexe aus der Zeit der Sowjetunion sind das Fundament von Putins Parallelwelt. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man sich wundert über die Gepflogenheiten in Russland im Jahr 2015.