Gedenken lenken

heißt, der Opfer gedenken, die Täter in Ruhe lassen.
Meinen Senf zur Weltlage (Russland) gibt es hier:

https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/journal/enthuellung-der-mauer-der-trauer-in-moskau-putins-gulag-light-gedenken/-/id=659282/did=20547974/nid=659282/dsptqf/index.html

Oder hier zum Lesen:

2017 jährt sich nicht nur die Russische Revolution zum 100 Mal, es ist auch 80 Jahre her, dass der „Große Terror“, die massenweise Verfolgung von Menschen in der Stalinzeit ihren Höhepunkt erreicht hat. Heute wird in Moskau ein Denkmal für die Opfer des Stalinismus, eröffnet; eine „Mauer der Trauer“. Mit 300 Millionen Rubeln wurde das Mahnmal aus dem Staatshaushalt finanziert. Präsident Putin wird es heute eröffnen. Doch so einfach ist es nicht. Und Thomas Franke macht sich Gedanken.

Autor:
Eine Mauer aus Menschen. Gesichtslos. Halbrund, aus Bronze, 5, 6 Meter hoch. Lückenhaft, so dass sich der Betrachter selbst einreihen kann in die Opfer. Denn die Verfolgung war oft willkürlich. Es konnte jeden treffen, erzählt Irina Scherbakowa von der Menschenrechtsorganisation Memorial.

O-Ton
Die Menschen waren Opfer und zugleich Täter. Das war nicht irgendwelche kleine Zahl von Menschen, das waren Millionen, die in diesem Land gelebt haben.

Autor:
Nun also eine Gedenkstätte für die Opfer der Sowjetunuion – endlich. Vladimir Lukin, Vorsitzender der verantwortlichen Stiftung Gedächtnis, wies bei der Pressekonferenz zur Eröffnung darauf hin, dass es solche Bemühungen schon seit Ende der 50er Jahre gegeben habe.

O-Ton:
Unser Land hat im 20. Jahrhundert große Siege erlebt, aber auch große Dramen und Tragödien. Das eine wie das andere gehört zu unserem historischen Gedächtnis.

Autor:
Die Stiftung Gedächtnis soll ein Konzept der Regierung von 2015 umsetzen, darin heisst es:

„Russland kann kein vollgültiger Rechtsstaat werden und keinen führenden Platz in der Weltgemeinschaft einnehmen, wenn es nicht das Andenken an Millionen seiner Bürger pflegt, die Opfer politischer Repressionen geworden sind.“

Ob der Staat diesem Auftrag mit der Mauer der Trauer nun voll gerecht wird, das darf bezweifelt werden. Es ist gut, dass der russische Staat bekennt, dass es den Terror gegen die eigene Bevölkerung gab. Zugleich aber sind in Russland, gerade in der Provinz, Menschen, die sich um das Erinnern an die Repressionen bemühen, auch heute noch selbst Repressalien ausgesetzt. Das zeigt der Fall des Heimatforschers Jurij Dmitriew in Karelien. Jahrzehntelang hat er die Reste der Opfer des Terrors in den Wäldern ausgegraben und dokumentiert. Und er hat an einer Datenbank mitgearbeitet, in der die Täter benannt werden. Derzeit steht er unter fadenscheinigen Vorwänden vor Gericht.

Der Regierung unter Putin geht es darum, das Gedenken zu lenken. Und das heißt, zwar an die Opfer zu erinnern, aber die Täter unbehelligt zu lassen. So auch in Perm, im Südural. Dort gibt es seit 1995 die Lagergedenkstätte Perm 36. Im Lager Perm 36 saßen noch bis Ende der 80er Jahre politische Häftlinge. Es ist bis heute die einzige Gedenkstätte an historischem Ort. Eine Privatinitiative. Das Museum zeigte, dass die Repressionen weit über die Stalinzeit hinaus dauerten. Mittlerweile hat der Staat die Gedenkstätte unter Kontrolle. Und das hat Auswirkungen auf die Inhalte: Die Grausamkeit wird abgemildert. Tatjana Kursina, eine der Gründerinnen der Gedenkstätte, meint:

O-Ton:
Das Konzept ist ein gewisser „Gulag Light“: Ja, es gab das Lagersystem, die Häftlinge hatten es schwer, aber die Wärter hatten es auch schwer.

Autor:
Die Machthaber haben es nicht nötig, den Gulag aus der Erinnerung zu löschen, aber sie wollen dem Erinnern Grenzen setzen. Dass sie damit noch immer durchkommen, liegt an einem Grundversäumnis am Ende der Sowjetunion. Im August 1991 demonstrierten Tausende vor der Geheimdienstzentrale in Moskau. Doch anders als in anderen Ländern, gingen die Menschen in Russland nicht in die Geheimdienstzentrale hinein. Nur wenige verlangten die Freigabe der Akten. Es gab keine Anklagen der Täter. Der berüchtigte Geheimdienst schien entmachtet, doch er regenerierte sich im Stillen bis im Jahr 2000 mit Vladimir Putin ein KGB-Mann die Macht übernahm.

Solange die Täter – Beamte, Geheimdienstler, Politiker, Nachbarn, Zuträger – nicht ausdrücklich benannt werden, bleibt Gedenken eindimensional. Wenn heute die Mauer der Trauer von Präsident Putin feierlich eröffnet wird, dann ist das ein weiterer Schritt, das Gedenken zu lenken, um Aufarbeitung zu verhindern.