Die genetische Großmacht

Meinen Senf zur Weltlage kann man hier hören:
http://www.swr.de/swr2/kultur-info/vor-dem-nato-russland-rat/-/id=9597116/did=17762348/nid=9597116/4amunk/index.html

und hier lesen:
Russland könne leider nicht auf den Status einer Großmacht verzichten, stellt Putins Berater Sergej Karaganow in einem Interview mit dem Spiegel fest, das sei Teil des russischen Erbguts geworden. Und dann: „Wir möchten das Zentrum eines großen Eurasien sein, einer Zone von Frieden und Zusammenarbeit. Zu diesem Eurasien wird auch der Subkontinent Europa gehören.“ Und Moskau wird das Zentrum, möchte man ergänzen.

Es ist die Arroganz eines Landes, das gern eine Großmacht wie die Sowjetunion wäre. Am dreistesten trieb es die Sprecherin des Aussenministers Sergej Lawrow im Vorfeld des NATO-Gipfels. Sie verlagerte ihr wöchentliches Presse-Briefing just auf die von der Ukraine geklaute Halbinsel Krim. Dort stellte sie sich in weißem Kleid vor das blaue Meer. „Großbritannien sagt, wir seien eine Gefahr“, erläuterte sie live im Fernsehen, „der NATO-Generalsekretär sagt, wir bedrohten den Frieden und die Sicherheit. Wo bitte sind konkrete Beispiele?“

So ist das beim sogenannten hybriden Krieg. Ein ums andere Mal fragt sich der kritische Beobachter, ob es zwei Realitäten gibt. Die westlichen Führungen hätten beschlossen, die Länder vor einer Bedrohung zu schützen, die es gar nicht gibt, schreibt Konstantin Kossatschow in der Regierungszeitung Rosiskaja Gazetta, das sei, wie einen Deich in der Wüste zu bauen. Der Mann ist nicht irgendein russischer Politiker, Konstantin Kossatschow ist Chef des Auswärtigen Ausschusses des Föderationsrates und war lange Zeit Leiter der russischen Delegation beim Europarat.

Russland kann eine militärische Konfrontation mit der NATO nicht riskieren, das scheint auch den Kremlstrategen klar zu sein. Darauf deuten auch die relativ zurückhaltenden Reaktionen auf den NATO-Gipfel hin. Statt dessen setzt Russlands Führung darauf, parallele Realitäten zu schaffen, gezielt Unwahrheiten zu streuen, sie setzt auf Cyberattacken und unterstützt radikale Strömungen in Europa.

Die Äusserungen der russischen Politiker richten sich natürlich auch an das eigene Publikum. Denn wie andere diktatorische Regierungen, braucht auch das Regime von Vladimir Putin äussere Feinde. Und da ist es umso einfacher der NATO und der EU die Schuld an der jetzigen Situation zu geben. NATO und EU gelten in der russischen Öffentlichkeit als aggressive, Russland bedrohende Gemeinschaften, die angeblich nichts anderes im Sinn haben, als Russland zu vernichten. Gleichzeitig gilt die EU als schwach und wird bemitleidet. Ein Teil der russischen Bevölkerung ist mittlerweile so eingelullt und aufgehetzt, dass sie glauben, einen Krieg nicht nur führen zu können, sondern ähnlich dem Zweiten Weltkrieg, gewinnen zu können.

Russland hat Sorgen. Ist aber auch der Verursacher dieser Sorgen. 2008 ist Russland vor die Hauptstadt Georgiens vorgerückt, und hat abtrünnige Teile Georgiens anerkannt. Es hat die Krim annektiert und den Krieg in der Ostukraine entfacht. Ohne Russlands Verstöße gegen geltende Verträge und die Aggressionen, ohne zersetzende Propaganda in den Nachbarländern und die Unterstützung radikaler Strömungen, gäbe es diese Angst nicht in dem Maß. Die NATO würde weiter vor sich hin dümpeln auf der Suche nach einer Aufgabe.

Es ist recht unwahrscheinlich, dass Russland die NATO militärisch angreift, auf anderen Gebieten führt Russland bereits Krieg – und nennt es auch so. Das ist die Ausgangssituation für den NATO-Russland-Rat in dieser Woche.