100 Jahre Revolution in Russland – Es geht immer um die Macht 1

Heute Morgen (8.3.2017) bei SWR2:

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Lenin kam zu spät. Der Revolutionsführer hat die Revolution verpasst. Seit Tagen streikten im Februar 1917 die Arbeiter in den Fabriken, Proletarier demonstrierten auf den Straßen. Dann schlossen sich die Soldaten an, und die Monarchie war am Ende. Und Lenin? Der weilte in Zürich.

Arbeiter und Soldatenräte und eine bürgerliche Übergangsregierung übernahmen die Macht, riefen Bürgerrechte aus, planten im Herbst eine konstituierende Versammlung, die über die Staatsform Russlands entscheiden sollte. Alles ohne Lenin. Der kam erst im April. Und als er eintraf, war der Zar längst entmachtet. Es gab nicht viele, die dem revolutionären Dogmatiker ihre Aufmerksamkeit schenkten. Lenin war in den entscheidenden Tagen der russischen Revolution eine bedeutungslose Randfigur. Der Weltrevolutionär – zunächst ein tragischer Fall der Geschichte.

Für den rechthaberischen Narzissten Lenin ein unerträglicher Zustand. Ein liberales, womöglich noch demokratisches Russland, wie es die Übergangsregierung nach der Februar-Revolution offensichtlich plante, das war so gar nicht in seinem Sinn. Und es spielte ihm und seinen selbsternannten Bolschewiki in die Hände, dass die Übergangsregierung das postrevolutionäre Chaos über den Sommer nicht in den Griff bekam.

Anfang November gelang es Lenin und seinen Leuten schließlich, gewaltsam die Macht an sich zu reissen: „Die Oktoberrevolution“. Im Nachhinein wurde sie als „groß“, „rot“, „ruhmreich“ verherrlicht. Die Februarrevolution hingegen wurde weitgehend verschwiegen oder als eine gescheiterte Vorstufe des „Großen Oktober“ dargestellt, die nur versehentlich die Bourgeoisie an die Macht brachte.

Noch heute passt die Februarrevolution nicht ins Konzept vieler führender Politiker in Moskau. Und so fordert Kommunistenchef Gennadij Sjuganow, der Oktoberrevolution angemessen zu gedenken, nicht der Ereignisse im Februar. Da nämlich sei das Land an den Abgrund gebracht worden.

„Nur der Große Oktober hat das zerfallene Imperium wieder geeint, hat alle Lebensbereiche auf einzige Art und Weise modernisiert, den Faschismus besiegt, den Kosmos erobert und ein atomares Gleichgewicht hergestellt.“

Die Bolschewiki errichteten eine Gewaltherrschaft, geprägt von Angst; sie gründeten die Sowjetunion, die sie groß und mächtig machten, indem sie Nachbarländer meist mit Gewalt ins Riesenreich des Weltkommunismus zwangen.

Wie also der Ereignisse vor hundert Jahren gedenken? Mit einer objektiven Darstellung der Revolution und ihrer anschliessenden Verherrlichung? Mit Filmen über den daraus folgenden Terror und die stalinschen Säuberungsmaßnahmen? Dass die Geheimpolizei in der Sowjetunion eine Ansammlung von staatlichen Raubmördern war, ist bekannt. Die heutige russische Führung ist auch noch stolz darauf, eben aus diesem Geheimdienst zu kommen, und daran knüpfen sie an. Die derzeitige russische Regierung schürt erneut Angst in der Bevölkerung. Sie verknüpft Freiheit und Demokratie propagandistisch mit Chaos und Untergang. Wie soll ausgerechnet sie der vielschichtigen Ereignisse des Jahres 1917 differenziert und ausgewogen gedenken? Das geht nicht.

Putin, Tschekist aus Überzeugung, verehrt den Zaren. Unter seiner Präsidentschaft beging Russland 2013 sogar das Jahr der Romanows. Putin mag Lenin und seine Revolution nicht:

„Er hat eine Atombombe unter ein Gebäude namens Russland gelegt. Später ist sie explodiert. Die Revolution war überflüssig.“

Aber Putin mag die Sowjetunion, mag Stalin, und er beschwört den starken Staat. Russlands Geschichte muss neuerdings eine ohne Brüche sein, eine aufsteigende Linie des, wie Putin sagt, „Siegervolks“, eine Vergangenheit, in der Unfälle, wie der Zusammenbruch der innerlich längst kollabierten Sowjetunion, von Feinden verschuldet wurde.

Was bleibt also vom Revolutionsjahr 1917 im heutigen Russland?
Es ist die Verherrlichung von Verbrechen, wenn sie die Macht festigen.
Es ist das Schüren von Angst, um den Staat stark erscheinen zu lassen.
Es ist die Verleumdung von Freiheit und Demokratie als chaotisch und gefährlich.
Es ist das Sichern von Macht.

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Es geht aber auch um die Rückkehr der Angst:
http://russianangst.de