Vor Putins Pressekonferenz – Putins Parallelwelt, SWR2

Im letzten Jahr waren Kuscheltiere verboten. Sie haben sich nicht verhört: Es war ausdrücklich verboten, Kuscheltiere mit in den Saal der Jahrespressekonferenz von Vladimir Putin zu nehmen. Die Journalisten, die aus allen Teilen Russlands anreisen, mussten sich also etwas anderes einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten auf sich zu ziehen und eine Frage stellen zu können.

Die dazu geladene internationale Öffentlichkeit wird Zeuge, wie tief die Sowjetunion noch in der Gesellschaft verwurzelt ist. „Vladimir Vladimirovitsch. Ich überbringe Ihnen die herzlichsten Grüße aus dem Gebiet xy. In diesem Jahr haben wir die Rübenernte auf Rekordhöhe gesteigert.“ Vor drei Jahren schlug ein emsiger Gesandter einer Zeitung gar vor, eine Insel nach Vladimir Vladimirowitsch zu benennen.

Solche Rituale und Reflexe aus der Zeit der Sowjetunion sind das Fundament von Putins Parallelwelt. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man sich verwundert über die Gepflogenheiten in Russland im Jahr 2015.

All das, wofür auch freiheitlich denkende Russen mal gekämpft haben, wird in der aktuellen Ära Putin Stück für Stück erst diskreditiert, dann einkassiert.
Und die Bevölkerung zuckt nicht einmal:
Politische Partizipation? „Ach, das klappt sowieso nicht.“
Pressefreiheit? „Die Medien dienen immer den Mächtigen.“
Demokratie? „Das kommt aus dem Westen, damit Russland geschwächt wird.“ Und so weiter…

Es ist erschreckend, wie einfach es für die Machtclique in Russland ist, den Leuten den größten Stuss zu erzählen. Und kaum jemand widerspricht.
Als das russische Kampfflugzeug vom türkischen Militär abgeschossen wurde, rief das Aussenministerium alle russischen Staatsbürger in der Türkei auf, sofort nach Hause zu kommen, es sei in der Türkei für Russen zu gefährlich.

Der Konflikt mit der Türkei und das Großmachtgehabe der russischen Machthaber gehört auch zur Putinschen Parallelwelt. Über Nacht wurde Erdogan, der Präsident der Türkei, vom besten Kumpel zum Förderer des internationalen Terrorismus. Und Russland stilisiert sich als die Macht, die entschlossen gegen den selbsternannten Islamischen Staat vorgeht. Zahlreiche Quellen deuten aber darauf hin, dass Russlands Soldaten in Syrien offensichtlich nicht allein gegen den IS kämpfen, sondern für den Diktator Assad.

Weiter geht es in der Parallelwelt: Russland könne die Sanktionen kompensieren. Aber in Russland wird nach wie vor so gut wie nichts produziert.
China sei als Handelspartner eine echte Alternative zur EU. Doch China macht reine Interessenpolitik, und selbst Rüstungsmanager verraten, dass es keine Alternative zu vor allem deutscher Qualität gäbe.
Die Eurasische Wirtschaftsunion sorge für ein mächtiges Anziehen der wirtschaftlichen Entwicklung. Da reicht ein Blick auf die Mitgliederliste: Weißrussland, Russland, Kasachstan, Armenien und Kirgistan. Da muss die Entwicklung noch mächtig anziehen.

Vieles in Putins Parallelwelt hält einer ernsthaften Prüfung nicht stand. Manchmal lügt er sogar. Nichts hat das besser gezeigt als die Mär von den „freundlichen Menschen“, die über Nacht die Krim besetzt haben. Das seien keine russischen Soldaten, so Putin. Später zeichnete er sie mit Orden aus.

Die alljährliche Pressekonferenz ist ein Ritual, das dazu dient, Putins Parallelwelt durch immerwährende Wiederholungen und Verdrehung von Tatsachen zur Realität zu machen – zumindest in den Köpfen eines erschreckend willfährigen Publikums in Russland. Aber auch im Ausland.