Senf zur Weltlage, heute Weißrussland

http://www.swr.de/swr2/programm/literaturnobelpreis-an-swetlana-alexijewitsch-politische-entscheidung-zur-rechten-zeit/-/id=661104/did=16286086/nid=661104/iul8j0/index.html

Die Ehrung kommt pünktlich. Am Sonntag sind in Weißrussland Präsidentenwahlen. In den meisten Ländern, würde der Präsident nun freudig der frischgebackenen Preisträgerin gratulieren, nicht so in Weißrussland. Swetlana Alexijewitsch hat dort Auftrittsverbot. In der offiziellen Öffentlichkeit kommt sie nicht vor.

Dabei macht Alexijewitsch nichts andres, als den Alltag zu dokumentieren
und literarisch aufzuarbeiten. Doch gerade die Alltagsaufzeichnungen passen den Mächtigen seit Jahrzehnten nicht.

Bereits 1983 geriet Alexijewitsch mit den Zensoren der Sowjetunion aneinander. Ihr Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ habe die Ehre des „Großen Vaterländischen Krieges“ beschmutzt, hieß es. Dabei hat sie nur Interviews mit sowjetischen Soldatinnen und Partisaninnen aufgearbeitet. „Antikommunistisches Verhalten“ wurde ihr attestiert, sie verlor ihre Arbeit.

Alexijewitsch liess sich nicht einschüchtern, blieb bei den Alltagsaufzeichnungen und machte sich an die großen Tabuthemen.

Für Aufsehen sorgte ihr Buch „Zinkjungen“. Zinkjungen wegen der Särge, in denen die toten jungen Männer aus dem Krieg der Sowjetunion in Afghanistan zurückgebracht wurden. Tote Soldaten, ein militärisches Desaster gar, das passte nicht ins Bild der ruhmreichen Sowjetunion. Mehr als 500 Veteranen und Mütter der Gefallenen hat sie für Zinkjungen interviewt.

Selbst als es die Sowjetunion nicht mehr gab, musste sie sich für das Buch noch im unabhängigen Weißrussland vor Gericht verantworten.

Die mutige Publizistin gab den Überlebenden der Atomkatastrophe von Tschernobyl eine Stimme, dokumentierte über Jahre deren Schicksale, rührte an den Tabus der Sowjetunion und der postsowjetischen Diktaturen, wie Weißrussland.

Sie portraitiere den „Sowjetmenschen“, sagte sie, als sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Empfang nahm. Menschen, die von der Sowjetunion geprägt wurden, die individuelle Freiheit oft nicht mal denken können, geschweige denn Rechte einfordern. Menschen, die froh sind, wenn die Mächtigen sie in Ruhe lassen. Sie dokumentiert einen immerwährenden Fluss von Enttäuschungen und Frustrationen, von Sorge und Angst davor aufzufallen.

Und auch deshalb kommt der Nobelpreis zur richtigen Zeit. Denn mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, wird die Freiheit des Individuums wieder unterdrückt, immer noch haben die Machthaber in Weißrussland Angst vor der Wahrhaftigkeit des Alltags. Es ist das Wissen des Lesers um die Authentizität, die ihre Literatur so stark macht. Dabei ist Svetlana Alexijewitsch keine große Literatin. Sie ist eine Chronistin. Ihre Prosa ist Dokumentarliteratur.

Aber: Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken. Und auch deshalb kommt der Nobelpreis zur rechten Zeit. Denn der Literaturnobelpreis für Svetlana Alexijewitsch ist ein Schlag ins Gesicht des Diktators Alexander Lukaschenko. Und stärkt die frustrierte Opposition. Die hat es kaum geschafft, einen Kandidaten in das inszenierte Rennen um die Präsidentschaft am Sonntag zu schicken.

Der Preis wirkt aber auch über die Grenzen Weißrusslands hinaus, stärkt Oppositionelle in Russland, Aserbaidschan und anderen nachsowjetischen Diktaturen neueren Typs. In diesen Staaten ist mit dem Ende der Sowjetunion nicht alles besser geworden, die Unterdrückung ist lediglich zeitgemässer. Der Literaturnobelpreis für Svetlana Alexijewitsch ist ein ermutigendes Signal an unterdrückte Publizisten.