Kunst oder Wunst

Verloren im digitalen Raum?
Orientierungslos!
Einige nennen es Kunst, andere sagen einfach, was sie sagen müssen.
48 Stunden Neukölln
Boris Alexander Knop
mit Thomas Franke (Nach Moskau)
„Wir wissen nicht, was wir tun. Wichtig ist, das wir es tun!“ (Quelle noch unbekannt, vielleicht werden wir ja an diesem Wochenende berühmt)
in der SomoS Galerie am Kottbusser Damm 95, 10967 Berlin

Samstag und Sonntag
von 12h bis 18h
every hour on the hour (except 2pm)

Danke! Gedanken zum Tag der Befreiung von der Naziherrschaft

Gerade ist zufällig ein Autokorso in Berlin Treptow an mir vorbei gefahren. Hier nur ein paar schnelle Eindrücke und Gedanken zum Tag der Befreiung von der Naziherrschaft.

Ich ertrage es nicht, dass auf den Gräbern der Soldaten, die Berlin von den Nazis befreit haben, Propaganda gemacht wird.

Ich ertrage es nicht, dass die Kremlpropaganda es geschafft hat, Trauer und Dankbarkeit so zu besetzen, dass für Demokraten kein Platz mehr ist.

Ich ertrage es nicht, dass die russische Regierung das Leiden der Völker der Sowjetunion unter dem Zweiten Weltkrieg monopolisiert.

Ich ertrage es nicht, dass ausgerechnet die sich als Befreier Europas vom Faschismus feiern, die Gesetze gegen Homosexuelle beschlossen haben, die Bürgerwehren fördern, die Bevölkerung gegen Andersdenkende und Kritiker aufhetzen, die Kritiker „Volksverräter“ nennen, für Demokraten und Liberale nur Verachtung übrig haben.

Ich ertrage es nicht, dass die gleichgeschalteten Propagandamedien im In- und Ausland wahrheitswidrig verbreiten, Russland sei von Feinden umzingelt, die nur eins im Sinn hätten, Chaos und Armut nach Russland zu bringen und das Land zu besiegen.

Ich ertrage es nicht, dass diese Regierung von einem Krieg der Kulturen redet und auch so handelt.

Auf der Seite steht „KGB Streife“

Ich ertrage es nicht, dass Stalin bei der Gelegenheit als „Starker Führer“ rehabilitiert wird und seine Verbrechen ignoriert werden.

Auszug aus Russian Angst:
„Der Krieg ist erst zu Ende, wenn der letzte Tote bestattet ist. Ich bin nicht derjenige, der diesen Krieg beenden kann. Immer wieder ist er auf der Überholspur in der jährlichen Woche der Siege. Dieser Krieg geht nie zu Ende.“

Einst war das schwarz-orange gestreifte Georgsband eine Auszeichnung für besondere Tapferkeit. Für mich stand es auch für die Befreiung Deutschlands vom Faschismus. Das ist vorbei. Seit 2014 steht das Symbol für den Krieg in der Ukraine und die Unterdrückung Schwächerer. Viele, die es tragen, sind offen antidemokratisch oder ignorant. Wäre es nicht Zeit, das Georgsband zum verfassungsfeindlichen Symbol zu erklären?

Und ist es nicht an der Zeit, die Sender, die offen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung hetzen, wegen Volksverhetzung anzuklagen?

Tag des Sieges

Am 9.5. feiert Russland den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Am Ehrenmal in Berlin im Treptower Park kann man einen Eindruck davon bekommen. „Ich habe mich in Deutschland noch nie so fremd gefühlt“, meinte ein Freund, mit dem ich da war.


Die Fahnen sind teils Flaggen der Krim, der „Donezker Republik“, der Sowjetunion sowieso und natürlich die Georgsbänder, einst Symbol derer, die Deutschland vom Wahn der Nazis befreit haben, heute missbraucht als Erkennungszeichen derer, die Demokraten für Faschisten halten und der Ansicht sind, die
Ukraine könne man einfach so angreifen und Teile besetzen.

 

 

Lesung und Hörspiel

8. März, Moskau, Internationaler Frauentag.
Ich war in sechs Blumenläden:
„Rosy nado?“
„Njet. Gwosdika jest?“
„Njet, Tulpani.“

Am Ende brachte ich meiner Russischlehrerin zum Frauentag statt einer roten Nelke rote Tulpen. Was das über die Situation der Frauen in Russland sagt, ob das überhaupt zusammenhängt, das überlasse ich jedem selbst (siehe Foto unten).
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Stalingrad IV

»Es soll wieder Stalingrad heißen«, sagt ein Veteran, »damit die Heldentat nicht vergessen wird, weil doch niemand weiß, wo Wolgograd ist, und jeder, was in Stalingrad passierte.«

 

 

Viktor Ananjew, Vorsitzender des Veteranenvereins Wolgograd, am 9.5.2012

Stalingrad II

Auszug aus Russian Angst:

„Ich bin müde von den Kämpfen, vom Sterben und von der Schuld, die die Erde auf den Feldern ausschwitzt, und der Sühne, dem Sieg, dem Saufen. Ich nicke immer wieder weg. Halbschlaf-Fantasien: Abflug aus Stalingrad. Ein Flugzeug am Boden. Laufender Propeller. Feldgraue Gestalten drängen sich, versuchen, in das Flugzeug zu kommen. Addi war hier.
Unser Nachbar. Damals. Viel jünger als ich heute. Adolf Eidam, Autopolsterer aus Hamburg-Barmbek. Er schlief nicht. Ging nachts. Ruhelos. Wandernd, wie die Splitter in seinem Körper. Addi saß vor dem Fernseher. Rauchte. Roth-Händle. Trank. Astra. Bismarck-Sprudel. Wählte. Schmidt. Saß in einem der letzten Flugzeuge, die Stalingrad verlassen haben. Mein Wachtraum ist schwarz-weiß.

Ich bin nervös, nicht wegen der Recherche, eher wegen der Emotionen. Das Land erzwingt die Auseinandersetzung. Die Sowjetunion unter Stalin hielt die Opferzahlen klein. Nach
dem Krieg wurden die Leichen oft nicht geborgen. Es war 2001, als ich das erste Mal über die Leichen des Zweiten Weltkriegs gegangen bin. Es war in einem Wald. Da lagen Helme zwischen Bäumen, rostig längst, Getriebeteile, Leuchtspurmunition.

Federnd der Schritt auf 60 Jahren Waldboden. Darunter die Knochen. »Wo ein Helm liegt, liegt ein Toter.« Mir gehen die Worte der Aktivistin nicht aus dem Kopf: »Der Krieg ist erst zu Ende, wenn der letzte Tote bestattet ist.« Ich bin nicht derjenige, der diesen Krieg beenden kann. Immer wieder ist er auf der Überholspur in der jährlichen Woche der Siege. Ich bestatte nicht, ich berichte. Dieser Krieg geht nie zu Ende. In diesem Wald buddeln junge Männer die Leichen des Zweiten Weltkriegs aus, »damit sie sich an Tote gewöhnen«, sagte die Aktivistin, »und an die Kampfeinsätze der Armee«. Damals ging es noch um  schetschenien. Die Jungen in Russland müssen robust sein, denn der Wehrdienst in der russischen Armee ist immer noch schrecklich.

Anflug auf Wolgograd. »Es stand ein Soldat am Wolgastrand …« Angst beim Anflug. Graugrüne Felder von Furchen durchzogen. Einst Schützengräben? Der Flugplatz, im Januar 1943 der letzte Ausgang aus dem Kessel. Soldaten hängten sich an das Flugzeug. Angst und Panik in den letzten Stunden. Wie viele Soldaten kannten die Operettenschnulze und freuten sich auf eine einsame Wacht am Wolgastrand mit einer Fluppe in der Hand und Heimweh nach dem Vaterland. Es blieb ihnen keine Zeit, nur Angst. Wie viele haben sich gefragt, warum sie dort stehen?

Beim Blick aus dem Fenster auf die graugrüne Landschaft drängt sich die Frage auf: Sind alle Leichen geborgen? Die Erde neben der Rollbahn schwitzt die Leichen aus. Ich kann
es sehen. Sie ist voll mit ihnen. Wie viele der Männer hatten noch nie geküsst, bevor sie ums Überleben kämpften, töten mussten, getötet wurden. Wollten küssen, nicht vergewaltigen. Waren dabei, als gemordet wurde. Wollten überleben. Ihre Körper vergammelten im sandigen Boden der üdosteuropäischen Steppe. Hunderttausendfach hätten sie heute ihr Leben hinter sich, wären alt, weise, zufrieden vielleicht, hätten Kinder und Enkel, wären bestattet, hätten Blumen auf den Gräbern. Stattdessen wandern sie in Halbschlaf-Fieberfantasien beim Anflug auf Wolgograd.“

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Stalingrad

Wenn ich aus dem Kapitel „Stalingrad“ lese, passiert es immer wieder, dass Zuhörer oder Zuhörerinnen weinen.
Heute vor 75 war die Schlacht um Stalingrad zu Ende. Die Körberstiftung hat zu dem Anlass ein Interview mit mir geführt. Hier der Text:

 

Sie sind 2012 im Umfeld des 70. Jahrestags der Schlacht von Stalingrad nach Wolgograd gereist. Ihre Begegnungen und Erlebnisse stehen im Mittelpunkt des Kapitels zu Stalingrad in Ihrem Buch „Russian Angst“.
Was ist Ihnen von Ihrem Besuch 2012 in Wolgograd bis heute am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben?

In Wolgograd haben sich meine Dankbarkeit und mein Respekt vor den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg nicht gewonnen hat, noch einmal um ein Vielfaches verstärkt. Wir haben es auch den Menschen in der Sowjetunion zu verdanken, dass wir in freien, demokratischen Gesellschaften leben können. Etwas, das ihnen selbst leider verwehrt geblieben ist.

Ich war in all den Jahren in Russland, Weißrussland und der Ukraine an keinem anderen Ort, an dem das Leid, das der Krieg über die Menschen der Sowjetunion gebracht hat, so spürbar ist. Noch immer sind nicht alle Opfer der Schlacht von Stalingrad geborgen. Sie liegen unter der Erde auf weiten Feldern. Dort liegen auch ihre Stiefel, Patronen, Konserven, Autositze usw. Man geht quasi über die Leichen, muss nur ein wenig buddeln, dann kann man auf Knochen stoßen. Es ist grausig, besonders, weil das Sterben so sinnlos war. In Wolgograd wird der Irrsinn von Krieg und Einmarsch in andere Länder überdeutlich. Welch ein Wahnsinn, Deutsche Soldaten an die Wolga zu treiben. Was zur Hölle wollte die Wehrmacht dort? Deutsche Soldaten hatten dort nichts zu suchen. Weiterlesen

Russian Angst in Frankfurt/Main

Donnerstag 12.10.2017 um 17h auf der Buchmesse. Zur blauen Stunde auf dem blauen Sofa.

http://www.das-blaue-sofa.de/veranstaltungen/frankfurter-buchmesse-2017/do/

100 Jahre Russische Revolution.

100 Jahre nach der Revolution ist die russische Gesellschaft von Ängsten geprägt, die zurück reichen bis ins Jahr 1917. Es ist die Angst der Regierenden vor der eigenen Bevölkerung, die sie jeden Ansatz von Opposition im Keim ersticken lässt. Es ist die Angst vor der – Achtung, großes Wort – „Wahrheit“, die Angst vor der Realität. „Mein Gott, der Kaiser ist ja nackt…“

Was blieb von der Revolution vor 100 Jahren?  Die Angst vor Umbrüchen; in der Sowjetunion als Konterrevolution bezeichnet, heißen sie nun „bunte Revolutionen“. Angst durchzieht die Gesellschaft, Angst ist die Basis des Geheimdienstes und ihres obersten Dieners Präsident Putin. Darüber werden wir diskutieren. Mit dabei Karl Schlögel und Gerd Konen. Moderation: Marie Sagenschneider.

Freiheit ist stärker als Angst: Gewerkschaftshaus in Kiew

 

 

 

 

 

Zur Bundestagswahl

Dank allen, die für Russian Angst gestimmt haben. Unter 184 Einreichungen der besten Bücher unabhängiger Verlage hat es das Buch mit Eurer/Ihrer Hilfe auf Platz 5 geschafft!

https://www.hotlist-online.com/die-kandidaten-wahlergebnis/

Anlässlich der heutigen Bundestagswahl und meiner Freude, in einer Demokratie leben zu dürfen, ein paar Erinnerungen an 2012.

Frühjahr in Jaroslawl. Knapp vier Zugstunden nördlich von Moskau wird der Bürgermeister gewählt. Goldene Kuppeln wetteifern um den schönsten Glanz in der Frühjahrssonne. Es liegt Schnee, und auf der Wolga treiben Eisschollen. Jaroslawl ist ein Idyll wie aus dem russisch-orthodoxen Tourismuskatalog. Ein Wahllokal ist in einer Schule, drei Stockwerke, roher brauner Ziegel. In einem Fenster steht ein großer Lautsprecher, eine russische Fahne hängt schlaff herunter. Auf dem Flur wird viel geschwatzt, es gibt Tee und Kekse für die, die gewählt haben. Im Wahllokal sitzen zehn Leute in einer Reihe an zehn Tischen und warten auf Wähler.

An der Wand hinten sitzen Olga aus Moskau, 24 Jahre alt, damals gerade arbeitslos geworden, ihre Freundin und eine ältere Frau, gleichfalls aus Moskau. Sie gehören zu 350 Wahlbeobachtern, die aus Moskau angereist sind, organisiert von der Bewegung „Graschdanin Nabljudatel“, „Der Bürger als Wahlbeobachter“. Im Frühjahr 2012 haben noch viele Menschen an die Demokratisierung Russlands geglaubt.

„Graschdanin Nabljudatel“, „Der Bürger als Wahlbeobachter“

Olga hat mit anderen Wahlbeobachtern telefoniert. Angeblich finden in ganz Jaroslawl Wahlfälschungen statt. Es sind Gruppen junger Leute gesehen worden, die mit Stimmkarten von Wahllokal zu Wahllokal ziehen und mehrfach abstimmen. Wahlfälschung war in der Sowjetunion normal. Und die Leute, die die Wahlen durchführen, sind größtenteils immer noch dieselben. Viele finden nichts dabei.

Olgas Mund wird schmal. Sie behält die Urne im Auge, macht Striche auf einem Zettel. Am Ende sollen nur so viele Stimmzettel in der Urne liegen, wie Striche auf den Listen sind.

Olga dreht eine Zigarette, geht raus. Es gibt zwei Kandidaten, beide sind sehr reich. Der eine tritt für die Regierungspartei an und verdient sein Geld hauptsächlich mit Immobilien, der andere ist vor kurzem aus der Regierungspartei ausgetreten und präsentiert sich nun als Oppositioneller und Reformer.

Vor dem Haus stehen zwei junge Männer und eine Frau. Sie geben sich als Wahlbeobachter aus, beobachten aber gar nicht. Statt dessen sprechen sie immer wieder Leute an und gehen mit denen dann etwas zur Seite. Olga hat den Verdacht, dass die drei jedem, der für den Regierungskandidaten stimmt, Geld bezahlen. Olga spricht sie an. Die drei streiten alles ab, wollen sich nicht fotografieren lassen, weichen aus.

Ein Mann mit Kinderwagen nähert sich der Gruppe. Als er Olga und das Mikrophon sieht, stutzt er. Olga fragt ihn, ob ihm Geld angeboten wurde. „500 Rubel habe ich bekommen. Aber das kriegt doch keiner mit. Und auf meine Wahl hat das auch keinen Einfluss…“ – „Ist Ihnen denn klar, dass das nicht ehrlich ist?“, fragt Olga. „Wieso? Die können doch meine Stimme nicht kaufen. Die bieten mir Geld an. Warum soll ich das nicht nehmen?“ – „Sympathisieren Sie denn mit einem der Kandidaten?“ – „Mit keinem. Weder mit dem einen noch mit dem anderen.“

Olga geht weiter auf und ab, sucht die drei Typen. Sie möchte sie gern auf frischer Tat beim Stimmenkauf ertappen. Doch die drei sind verschwunden.

In diesem Wahllokal wurde nicht gefälscht. Darauf ist Olga stolz. Es ist auch ihr und den anderen freiwilligen Wahlbeobachtern zu verdanken. Und der Kandidat der Opposition gewinnt tatsächlich. Ihr Engagement hat sich gelohnt.

Wenig später folgt Ernüchterung. Der gewählte Bürgermeister wird unter Korruptionsvorwürfen festgenommen und zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Auch Boris Nemzow hatte sich übrigens in Jaroslawl engagiert. Er saß ab 2013 als Abgeordneter im dortigen Regionalparlament. Am 27. Februar 2015 wurde er nicht weit vom Kreml erschossen. 1997 und 1998 war er stellvertretender Premierminister gewesen.

Alle, die immer behaupten, hier in Deutschland sei es doch auch alles sehr schlimm und man könne niemanden mehr wählen und die politische Kultur sei auch nicht viel besser als in Russland, seien darauf hingewiesen, dass zu Nemzows Bestattung kein einziger Regierungsvertreter kam. Und dass sein Mord keine Chance auf Aufklärung hat.

 

Eine Bitte

in eigener Sache: Mein Buch „Russian Angst“ ist auf der Liste der 30 besten Bücher unabhängiger Verlage gelandet. Nun ist das Publikum an der Reihe, das Beste der 30 zu wählen. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie und Ihr und viele andere auf den Link klicken und für „Russian Angst“ stimmen.

https://www.hotlist-online.com/wahllokal-polling/

Die Abstimmung läuft noch bis zum 22.8.

Bitte sagt es weiter.

Vielen Dank und noch mehr Grüße

Thomas Franke